21 Feb 2018

Vier Mythen und Wahrheiten über Spanien

Leben hautnah

Was weisst du eigentlich über die Spanier? Wie würdest du sie definieren? Wenn wir diese Frage einem Fremden stellen, landet er bei seiner Antwort wahrscheinlich den ein oder anderen Treffer, aber auch viele Fehler. Ob nun wahr oder nicht – den typischen Klischees wie der spanischen Siesta, Lebhaftigkeit und Feierlaune begegnet man immer wieder. Es ist an der Zeit, die Mythen zu wiederlegen und herauszufinden, ob einige dieser Stereotypen denn tatsächlich zutreffen.  Drei Studenten aus Italien, dem Vereinigten Königreich und Deutschland berichten von ihrem Auslandsaufenthalt in Spanien und den Bräuchen, die sie dort am meisten überrascht haben.


Text von Carmen Boronat

Sie machen gerne Siesta, verbringen den ganzen Tag in einer Bar, tanzen Flamenco und gehen zu Stierkämpfen. Sie lieben es, sich mit Menschen zu umgeben, unterhalten sich gerne und freuen sich über neue Bekanntschaften. Sie sind leidenschaftlich, laut, unpünktlich, sympathisch und extrovertiert. Aber sind wirklich alle Spanier so? Drei ausländische Studenten, die in dem Land auf der iberischen Halbinsel leben, möchten die Wahrheit ans Licht bringen und berichten von den Unterschieden, die sie zwischen dem Leben in ihrem Heimatland und dem in Spanien festgestellt haben.


Etwas, das allen dreien besonders aufgefallen ist, ist unser ausgefallener Lebensrhythmus. Im Allgemeinen machen wir Spanier alles etwas später. Maria Luisa ist Italienerin. Sie lebt bereits seit sechs Monaten in Valencia und macht dort ein Praktikum. Seit ihrem ersten Tag hier steht sie früh auf, geht aber dennoch spät ins Bett. „Ich finde es toll, dass die Strassen hier bis spät in die Nacht voller Menschen sind“, erklärt sie. „Geschäfte und Bars haben hier viel länger geöffnet und ich nutze das, um nach der Arbeit noch einkaufen zu gehen.“


Spanien

Auch unsere Mahlzeiten finden üblicherweise zwischen zwei und drei Stunden später statt als anderswo. Für Chris, einen Studenten aus England, der in Madrid sein Spanisch perfektionieren möchte, war das am Anfang besonders schwer. „Ich musste mir angewöhnen, mittags auf Sandwiches zu verzichten und stattdessen etwas stärker sättigendes zu essen, um bis zum Abendessen durchzuhalten“, gesteht er.


Christine, die für ein Erasmus-Semester von Deutschland nach Alicante kam, hatte erwartet, dass Mahlzeiten in Spanien bis zu zwei Stunden dauern können. „Seit ich hier angekommen bin, habe ich nie mehr als eine Stunde beim Essen verbracht. Meine spanischen Freunde sagen, dass die Dauer der Mahlzeiten immer ‚europäischer‘ werden. Tatsächlich ist mir bewusst geworden, dass es in dieser Hinsicht gar keinen grossen Unterschied zu den deutschen Essgewohnheiten gibt.“


Wenn man ihn nach der Siesta fragt, erklärt Chris, dass keiner seiner Freunde oder Bekannten mittags ein Nickerchen macht, da sie alle Unterricht haben. „Ich dachte, dass die Spanier ohne ihre Siesta nicht leben können, aber mir ist aufgefallen, dass die meisten von ihnen um diese Zeit arbeiten und es sich gar nicht erlauben können.“


Und bis wann arbeiten wir? In Spanien haben wir im Durchschnitt um 19 Uhr Feierabend, bis zu zwei Stunden später als unsere europäischen Nachbarn, die oft zwischen 17 und 18 Uhr nach Hause gehen können. Eine Ausnahme bilden die Einkaufszentren, welche erst zwischen 19 und 22 Uhr schliessen.


Spanien

Wie begrüsst man sich in Spanien?

Wenn du Spanisch lernst, solltest du wissen, dass die in Spanien typischste Art der Begrüssung zwei Küsse auf die Wange sind. Allerdings ist das nicht immer der Fall. In einem förmlichen Kontext, wie beispielsweise bei einem Jobinterview oder im täglichen Umgang mit Professoren und Vorgesetzten, begrüsst man sich normalerweise mit einem Händedruck.


Christine erzählt, dass sie tatsächlich in manchen Situationen verunsichert war, ob sie jemandem die Hand reichen oder ihn mit zwei Küssen begrüssen sollte. „Wichtig ist auch, dass man hier den Kopf zuerst nach links dreht. In anderen Ländern, in denen man sich auch mit Küssen begrüsst, ist das anders. Es ist mir mehr als einmal passiert, dass ich den Kopf nach rechts gedreht habe und so die andere Person versehentlich beinahe auf die Lippen geküsst hätte!“, ergänzt sie.


Spanien

Für Maria Luisa war diese Art der Begrüssung, natürlich nichts Neues. „In Italien geben wir uns ebenfalls zwei Küsse auf die Wange. Aber es gibt auch einen Unterschied: in Spanien bietet man dem anderen immer zuerst die rechte Wange und in meinem Land die linke.“ Dies solle man unbedingt im Kopf behalten, um komische oder peinliche Situationen zu vermeiden, erklärt sie. „Generell fühlen wir Italiener uns nicht besonders wohl bei der Innigkeit der Spanier bei der Begrüssung“, fügt sie hinzu.  


Für Chris hingegen war dies ein Brauch, der ihn anfangs schockierte. „ Im Vereinigten Königreich ist der Kuss eine Form der Begrüssung, die den Leuten vorbehalten ist, die man gut kennt. Das macht man nur mit Freunden und Familie. Hier habe ich mich allerdings daran gewöhnt. Besonders wenn es sich um hübsche Mädchen handelt, macht es mir auch absolut nichts aus, ihnen zwei Küsse zu geben!“


Auch in Deutschland ist ein Kuss ein besonderes Zeichen der Intimität, erklärt Christine. „Als ich nach Spanien kam, hat mich das sehr überrascht. Am ersten Unterrichtstag wäre ich am liebsten im Erdboden versunken, denn ich musste über 50 Leute küssen“, lacht sie. „Ich dachte wirklich, das ginge nun jeden Tag so weiter.“


Als Chris über Weihnachten für ein paar Tage nach England zurückkehrte, war er so daran gewöhnt, alle zu küssen, dass seine Freunde und Familie ganz erstaunt waren. „Mehr als ein Mädchen zog ihr Gesicht weg“, erzählt er. „Es hat mindestens einen Tag gedauert, bis ich mich wieder an die englische Art der Begrüssung gewöhnt hatte.“

Stierkampf – ja oder nein?

Im Ausland verbindet man Spanien oft mit Stierkämpfen, allerdings ist das auch unter Spaniern ein umstrittenes Thema. Im ganzen Land gibt es Verbände, die sich gegen den Stierkampf einsetzen, und in einigen Regionen wie Katalonien und den Kanaren sind Stierkämpfe ganz verboten.


Maria Luisa besuchte einen Stierkampf in einer der berühmtesten Arenen, der Maestranza de Sevilla. Sie erklärt: „Ich möchte in meinem ganzen Leben keinen Stierkampf mehr erleben. Es war entsetzlich.“ Viele Spanier hatten sich bemüht, sie davon zu überzeugen, dass der Stier den Torero töten könne und es sich vor allem um eine künstlerische Darbietung handle. „Was sich bei mir besonders eingeprägt hat, ist aber, dass der Kampf mit dem Tod des Bullen endete. Ich glaube nicht, dass das etwas mit Kunst zu tun hat.“


Spanien

Chris hingegen war nach seinem ersten Stierkampf sprachlos. „Im ersten Moment hat es mich schon  betroffen gemacht, aber dann gefiel es mir. Das Ambiente bei einem Stierkampf ist etwas Besonderes und einfach bemerkenswert“. Touristen empfiehlt er, auf jeden Fall einmal im Leben einen Stierkampf zu besuchen.


Fest steht, dass der Stierkampf, obwohl er bei der jüngeren Bevölkerung heute nicht mehr so beliebt ist, trotzdem noch seine Befürworter hat. Im Jahr 2013 wurde die Stierkampfkunst sogar zum Kulturerbe des Landes erklärt. Laut diesem Gesetz handelt es sich bei dem Brauch um ein „unumstrittenes spanisches Kulturerbe“, dem darüber hinaus eine „zweifellose wirtschaftliche und unternehmerische Bedeutung“ zukommt.


Manchmal gründen sich die einzigen Kenntnisse, die wir über ein Land haben, auf Stereotypen, wie es beispielsweise bei den Stierkämpfen der Fall ist. Dabei sind es vorgefasste Ideen, die eine einseitige und verzerrte Realität widerspiegeln. Vor allem deshalb ist es so interessant, an einen neuen Ort zu kommen und den Vorurteilen eigene Erfahrungen entgegenzustellen. Für Chris, Maria Luisa und Christine hat sich das Bild, das sie von Spanien hatten, in vielerlei Hinsicht verändert  und sie sind überrascht und begeistert von diesem Land, das sie so warm empfangen hat und in dem es so viel zu entdecken gibt.


Autor: VeinteMundos

Aus dem Spanischen übersetzt von: Franka Leehr


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