9 Mar 2017

St. Patricks Day

Leben hautnah

Es ist warm und sonnig und die Strassen sind voller Leben. Menschen lachen, plaudern und essen Eis, andere sitzen gemütlich in der Sonne und geniessen die Atmosphäre. Eine Dame mit viktorianischem Kostüm und einem spitzenbesetzten Sonnenschirm flaniert auf meterlangen Stelzen an mir vorbei, während ein Jongleur auf einem Einrad eine Gruppe Kinder in Staunen versetzt. Ein als Ordnungshüter verkleideter Comedian mit schiefen Zähnen und riesigen Brillengläsern ermahnt mich, als ich gedankenverloren eine ansteckende Melodie vor mich hin summe und dabei gegen seine gerade erfundenen Regeln verstosse. Zum Glück kommt in dem Moment ein Mädchen mit einem Schild „Free Hugs“ vorbei. Ich stürze mich zum Trost in ihre Arme und muss unwillkürlich grinsen. Die gute Laune an diesem Tag ist wirklich ansteckend.


St. Patrick's Day - Artisten

Es ist St. Patrick’s Day und ich bin in Irland. Um mich herum wimmelt es von Menschen mit grün-weiss-orangen Perücken, Sonnenbrillen in Kleeblattform oder riesigen Leprechaun-Hüten. Für ein Wochenende verwandelt sich das Stadtzentrum von Cork – meiner Heimat für ein Jahr – in ein riesiges Festival zu Ehren des irischen Nationalheiligen. Es gibt Konzerte und Strassenaufführungen, Jahrmärkte und Stände, die frisch zubereitetes Essen anbieten. In den Pubs wird mit Livemusik gefeiert und auf einer Bühne im Zentrum der Stadt führt eine Tanzgruppe traditionelle Céilís vor und lädt die Zuschauer zum Mittanzen ein. Das Highlight des Paddy’s Days ist jedoch die Parade mit ihren knapp 3000 Darstellern und etwa 50.000 Zuschauern. Thema des Umzugs sind in jenem Jahr „Legenden“ und die Teilnehmer überbieten sich mit ihren aufwendigen Kostümen und beeindruckenden Wagen. Mythische Kreaturen wie Feen und Phönixe ziehen vorbei, gefolgt von berühmten Fussballspielern, Musikern, Forschern, antiken Gottheiten und Ikonen wie Mahatma Ghandi. „Als ich ein Kind war, waren die St. Patrick’s Day-Paraden sehr ruhig. Heute sind sie viel bunter“, freut sich eine Zuschauerin neben mir über die chinesischen Drachen, Trapezartisten, Feuerspucker und afrikanischen Trommler. Beeindruckt bin ich jedoch nicht nur davon, wie bunt und fröhlich die Parade ist, sondern auch von der kulturellen Vielfalt, die hier zum Ausdruck kommt. Fast jede ausländische Gemeinschaft in Cork – Menschen, die sich mit Irland und mit ihren Herkunftsländern identifizieren – ist mit einer eigenen Gruppe beim Umzug vertreten. Ich hatte keine Ahnung, wie international Cork tatsächlich ist, und fühle mich hier nun gleich noch ein bisschen wohler.


St. Patrick's Day - Irische Tradition

Auf dem Weg in die Stadt kommt mir John, ein irischer Bekannter, entgegen. Er hält das Event für Paddywhackery – eine Zelebrierung überzogener irischer Klischees – und nutzt das schöne Wetter lieber für einen Spaziergang um den nahegelegenen See. „Bis vor wenigen Jahrzehnten war es ein sehr ruhiger und religiöser Tag in Irland. Menschen trugen ein Kleeblatt, mehr aber auch nicht“, erinnert er sich. Tatsächlich gehen die Feierlichkeiten an St. Patricks Todestag am 17. März bis ins Mittelalter zurück, jedoch schwappte die Tradition der Paraden erst vor einigen Jahrzehnten aus den USA herüber. Irische Einwanderer nutzen das Fest seit dem späten 18. Jahrhundert, um ihre Identität zu feiern und die Verbindung mit ihrem Herkunftsland zu stärken. Bis heute findet die grösste St. Patrick’s Day-Parade daher in New York City statt, aber auch an anderen Orten wird ordentlich gefeiert. Weltweit leben mehr als 70 Millionen Menschen mit irischen Wurzeln - mehr als 15 Mal so viele wie in Irland selbst.  „Es handelt sich um eine Zelebrierung des Irischen und die Iren haben sich über die ganze Welt verteilt. Es ist ein Weg, ihre Identität zu feiern“, erklärt mir John. Dass die Veranstaltungen zu St. Patrick’s Day auch in Irland und in anderen Ländern jedes Jahr grösser werden, ist aber auch den Bemühungen der irischen Regierung zu verdanken. In einer nationalen und internationalen Kampagne wurde ein Festival erschaffen, das die irische Kultur weltweit bekannt macht und das Image der Grünen Insel transformieren sollte. Die Kampagne war ein Riesenerfolg, denn St. Patrick’s Day ist nicht nur eines der beliebtesten Touristenevents in Irland, sondern auch der Nationalfeiertag, der weltweit in den meisten Ländern gefeiert wird. Auch die Global Greening Campaign von Tourism Ireland findet jedes Jahr mehr Teilnehmer, sodass die Erde vom Weltall aus betrachtet am 17. März so grün ist wie an keinem anderen Tag im Jahr. Neben den üblichen Wahrzeichen und Monumenten wie dem Kolosseum in Rom, London Eye, der Chinesischen Mauer, der Niagarafälle und dem Empire State Building, die schon seit Jahren an diesem Tag in grünem Licht erstrahlen, sind dieses Jahr unter anderem das One World Trade Center in New York, das Antwerpener Rathaus, die Gwangandaegyo-Brücke in Südkorea und sogar die Statue eines Rhinozeros im Nairobi Nationalpark in Kenia neu mit dabei.


Iren

Und warum will alle Welt St. Patrick’s Day mitfeiern? „Iren sind in der ganzen Welt beliebt“, begründet es Damien Keohan, ein gebürtiger Dubliner, der einen Irish Pub in Santiago de Chile führt. „Ich bin viel gereist und sobald du sagst, dass du aus Irland kommst, wirst du automatisch mit einem Lächeln begrüsst. Die Neutralität des Landes in Kombination mit unserer allgemeinen Gelassenheit kann jede Situation entschärfen.“, sagt Damien. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Und die Tatsache, dass an dem Tag jede Menge Alkohol fliesst, schadet seiner Popularität natürlich auch nicht.“ Na dann, sláinte!


Die besten Orte, um St. Patrick’s Day zu feiern

Du hast noch nichts vor an St. Patrick’s Day? Dann auf nach Irland! Die meisten Städte organisieren Events zum irischen Nationalfeiertag, allen voran natürlich Dublin mit seinem viertägigen St. Patrick’s Festival (16. – 19.3.) mit dem Motto „Ireland You Are“. Neben der Parade gibt es unter anderem Konzerte, Open Air Kinos, eine Schatzsuche, Jahrmärkte und für die Sportlichen unter euch auch ein 5k Road Race. In der zweitgrössten Stadt Irlands wird dieses Jahr drei Tage lang das Thema „Cork – A City of Community, Culture & Commerce“ gefeiert, während  Galway all das zelebriert, was typisch irisch ist.


Oder möchtest du Paddy’s Day lieber in einer anderen europäischen Metropole verbringen? Festivals zum St. Patrick’s Day gibt es zum Beispiel auch in Barcelona, Amsterdam, München oder Wien, irische Filmfestivals außerdem in Moskau und Berlin.


Das ist dir alles zu weit? Dann schau doch einfach im Irish Pub in deiner Stadt vorbei – auch da wird sicher gross gefeiert.


Immer noch zu weit? Dann bleibt dir noch das heimische Sofa – NBC New York überträgt die New Yorker St. Patrick’s Day-Parade live am 17. März um 11 a.m. Eastern Standard Time.

Autor

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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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