24 Jan 2017

Kitesurf Camps in Chile

Leben hautnah

Wenn man an einem trüben Januartag an seinem Schreibtisch sitzt, fällt es nicht schwer, die Gedanken schweifen zu lassen und sich zu fragen, ob das Leben nicht ganz anders aussehen könnte. Wie wäre es wohl, einfach auszusteigen? Das Hobby zum Beruf zu machen? Oder am anderen Ende der Welt ganz von vorne anzufangen? In Shorts statt im Anzug zur Arbeit zu gehen, unter dem Arm das Surfbrett statt der Aktentasche?

Meist holt einen die Realität schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen und es bleibt bei „Was wäre wenn?“. Anders lief es jedoch bei Michi. Der gebürtige Schweizer lebt in Chile und hat dort mit „Kite Chile“ seine Passion, das Wavekiten, zum Beruf gemacht. Michis Motto „go with the flow“ hat sich auf dem Weg dahin bewährt. Im Interview erzählt er mir mehr.

Wolltest du schon immer auswandern und das Kitesurfen zu deinem Beruf machen?

Michi: Nein, das hat sich einfach ergeben. Bis vor ein paar Jahren habe ich in Zürich gelebt und dort in einer Werbeagentur gearbeitet. 2013 habe ich dann gekündigt und bin mit meiner Freundin im VW-Bus durch Europa getuckert. Da wir in der Zeit sehr sparsam gelebt haben, hatten wir am Ende der Tour mehr Geld übrig als erwartet. Dieses haben wir in eine dreimonatige Reise nach Südamerika investiert, wo wir Brasilien, Argentinien und Chile erkundet haben. In Santiago sind wir länger geblieben als geplant, denn die Stadt hat uns auf Anhieb fasziniert. Die Kulturszene ist grossartig, die Einwohner sind offen und die Natur auch nicht weit. In anderthalb Stunden kann man zum Skifahren und Wandern in den Bergen sein oder aber zum Surfen und Kiten am Meer. Das hat uns so gut gefallen, dass wir kurzerhand beschlossen, unser Glück hier zu versuchen. Wir fanden beide schnell Arbeit und sind inzwischen seit fast drei Jahren hier. Wir haben nie gross etwas geplant. „Go with the flow“ war unsere Devise und das hat sehr gut funktioniert.

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„Go with the flow“ klingt nach einer echten Surfer-Devise. Wie bist du denn ans Kitesurfen gekommen?

Michi: 2008 habe ich während einer Südostasienreise die ersten Schritte in diesem Sport gemacht. Anschliessend war ich oft in Spanien, Frankreich, Vietnam oder der Türkei, wo ich Fortschritte im Freestyle mit Sprüngen und Tricks auf dem Flachwasser machen konnte. Auch auf Schweizer Seen bin ich viel gekitet. In Chile bin ich dann auf den Geschmack von Wavekiten gekommen. Dabei surft man wie beim Wellenreiten auf dem Board die Welle ab, hat zur Unterstützung aber auch einen Kite.


Für das Wavekiten bietet Chile die idealen Voraussetzungen. Antarktische Stürme sorgen für konstante Wellen und die kalte Luft des Humboldt-Stroms für ausreichend Wind. Seit ich hier bin, widme ich mich ausschliesslich dieser Disziplin des Kitesurfens und habe dafür eine echte Passion entwickelt. Das Gefühl, im Einklang mit Wind und Wellen durch das Wasser zu gleiten ist unglaublich „flowig“. Das löst für mich sowohl während des Surfens als auch danach eine sehr grosse Zufriedenheit aus.


Und wie kam es dazu, dass du Kite Chile gegründet hast?

Michi: Eigentlich hatte ich nie vor, mich selbstständig zu machen. Das hat sich mehr oder weniger natürlich ergeben, weil ich einen Weg gesucht habe, meine Leidenschaft mit der Arbeit zu verbinden und eine gute Work-Life-Balance zu finden.


Entstanden ist die Idee für Kite Chile, da es bei Surfreisen einen Trend zum Guiding gibt: Erfahrene Surfer suchen jemanden, der sie in ihrem Urlaub zur richtigen Zeit an den perfekten Surfspot bringt. In Chile sind solche Angebote für Wavekiter eher noch eine Nische, in der ich mich gut einrichten konnte. Ich bin selbst sehr viel im Wasser hier und weiß, wo man wann die besten Surfspots findet. Ausserdem bin ich sowohl mit der lokalen Mentalität als auch mit der Erwartungshaltung europäischer und nordamerikanischer Touristen vertraut.

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Und weshalb hast du Matanzas als Standort für Kite Chile gewählt?

Michi: Matanzas liegt nur etwa 160 Kilometer von Santiago entfernt und bietet sich als Basis an, da sich vier Kitespots in unmittelbarer Nähe des Fischerdorfes befinden. Viele weitere liegen in erreichbarer Entfernung entlang der Küste. Abgesehen von den Sommerferien im Januar und Februar ist es ausserdem sehr ruhig in Matanzas und ausser uns sind wenige Leute am Strand und auf dem Wasser unterwegs. Auch die Atmosphäre im Dorf ist schön. Es gibt ein paar kleine Läden und gute Restaurants und drum herum wilde Natur.

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Wie sieht denn dein Arbeitsalltag so aus?

Michi: Für die Unterkunft und die no-wind Aktivitäten sind lokale Partner verantwortlich. Alle anderen Tätigkeiten erledige ich selbst oder mit meinem Team. Dazu gehört alles von Werbung über Flughafentransfers bis hin zum Guiding und Kite-Unterricht.  Da der Wind hier immer erst gegen Mittag einsetzt, erledige ich morgens meistens administrative Aufgaben. Am Nachmittag bin ich dann als Instructor oder Guide unterwegs und begleite die Kunden zum jeweils geeignetsten Kitespot. Wenn es mal keinen Wind geben sollte, machen wir auch Ausflüge zu nahen Wellenreit-Spots.


Und hast du weitere Pläne für deine Zukunft und die Zukunft von Kite Chile?

Michi: Nein, ich habe keinen festen Plan. „Go with the flow“ halt – das hat sich bis jetzt sehr gut bewährt.

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Mehr Infos zum Kitesurfen in Matanzas


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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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