6 Feb 2018

Karneval – die fünfte Jahreszeit

Leben hautnah

Wenn man wie ich im Rheinland aufgewachsen ist, kommt man nicht umhin, die fünfte Jahreszeit ausgiebig zu zelebrieren. Von Kindesbeinen an fiebert man ab dem 11. November der Karnevalswoche entgegen und spätestens ab Januar schwirren die Gedanken um Prunksitzungen, Kostüme, Karnevalszüge und Kamelle. In den lang ersehnten Tagen von Weiberfastnacht bis zum Fastnachtsdienstag herrscht dann ein absoluter – in der Regel feuchtfröhlicher – Ausnahmezustand bevor am Aschermittwoch der Alltag wieder Einzug hält und die Fastenzeit beginnt.


Wenn man wie ich im Rheinland aufgewachsen ist und nach der Schule erst einmal das Weite sucht, kommt spätestens dann auch sicher der Moment, in dem man sich von alldem entschieden distanziert. Erst heute, ein paar Jahre und Länder später, finde ich die Karnevalskultur und die unterschiedlichen Arten, in Europa und auf der ganzen Welt Karneval oder Fastnacht zu feiern, wieder interessant und faszinierend. Zeit, mehr darüber zu erfahren!

1)  Der rheinische Karneval

Dem Karneval ähnliche Feste wurden auf der ganzen Welt schon seit Jahrtausenden gefeiert, beispielsweise um Götter zu ehren oder mit Lärm und furchteinflössenden Kostümen den Winter auszutreiben. In der westlichen Kultur markiert Karneval seit dem späten Mittelalter die letzten Tage vor Beginn der österlichen Fastenzeit, in denen bei ausschweifenden Festen die anschliessend verbotenen Lebensmittel verbraucht und die gesellschaftlichen Strukturen verhöhnt und für kurze Zeit über den Haufen geworfen wurden.

Rheinischer Karneval

Im Rheinland, allen voran in Karnevalshochburgen wie Köln und Mainz, sind diese Traditionen nach wie vor so lebendig, dass der rheinische Karneval im Jahr 2014 von der Deutschen UNESCO-Kommission sogar in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Die „Narren“ nehmen hier in Büttenreden und Liedern, mit Kostümen und Persiflagewagen noch heute aktuelle politische und gesellschaftliche Themen aufs Korn und parodieren die Prominenz. Nicht fehlen dürfen natürlich auch Karnevalslieder im lokalen Dialekt, die Auftritte der uniformierten Funkenmariechen und Tanzkorps, Bützchen (freundschaftliche Küsschen auf die Wange) und der Narrenruf „Kölle Alaaf“, bzw. „Helau“ in Städten wie Mainz oder Düsseldorf. Offiziell beginnt die Karnevalssession am 11.11. um 11:11 Uhr mit der Vorstellung des neuen Dreigestirns (Prinz, Jungfrau und Bauer), allerdings finden die meisten Karnevalsveranstaltungen erst im neuen Jahr statt. Die absoluten Höhepunkte des Ganzen sind der an Weiberfastnacht beginnende Strassenkarneval, bei dem die kostümierten Jecken auf Strassen und in Stadtzentren feiern, sowie der Rosenmontagszug, der in Köln von über einer Million Menschen besucht wird und in dessen Verlauf rund 300 Tonnen Kamelle – hauptsächlich Süssigkeiten, aber auch Blumen und kleine Geschenke – von den Wagen in die Menge geworfen werden.

2) Die schwäbisch-alemannische Fasnet

Schwäbisch-Alemannische-Fastnach

Meine erste Begegnung mit der schwäbisch-alemannischen Fastnacht hatte ich als Kind, als mich bei unserem örtlichen Karnevalsumzug ein Hexenwesen von einer aus dem Schwarzwald angereisten Zunft kurzerhand hochhob und verschleppte. Kamelle gab es dafür keine, denn auch wenn die schwäbisch-alemannische Fastnacht ebenfalls zum immateriellen Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission gehört und sich auch nach den Feiertagen des Kirchenjahres richtet, könnte der Unterschied zum rheinischen Karneval grösser nicht sein. Während man im Rheinland beispielsweise Jahr für Jahr in eine andere Rolle schlüpfen kann, wechseln die Narren bei der schwäbisch-alemannischen Fastnacht die Verkleidungen nicht und vererben ihre hölzernen Masken mitunter sogar von Generation zu Generation weiter. Gewand und Maske werden „Häs“ und „Larve“ genannt und verhüllen ihre Träger vollkommen. Diese ziehen beim Narrensprung – beispielsweise in Rottweil – am Fastnachtsmontag oder –dienstag in einheitlich kostümierten Zünften als Narren, Hexen- oder Teufelsgestalten oder auch Wilde Leute juchzend und hüpfend durch die Stadt, bevor der Fastnachtslärm und das Schellengeklingel am Aschermittwoch wieder bis zum nächsten Jahr verstummen.

3) Die Basler Fasnacht

In der Schweiz findet die grösste Fastnacht in Basel statt. Anders als im katholischen Raum beginnt sie erst am Montag nach Aschermittwoch und endet am Donnerstag drei Tage später. Rund 18.000 Fastnächtler sind andiesen Tagen in der Basler Innenstadt unterwegs. Auch sie sind von Larven und Kostümen vollständig verhüllt und ziehen in einheitlich gekleideten Cliquen umher. Neben traditionellen Kostümen wie Harlekinen oder den typischen Waggis-Larven mit ihren riesigen Nasen wählen die Cliquen oft aktuelle lokale oder auch internationale Thematiken als Sujets, die sie in ihren Kostümen, Wagen, Requisiten und Laternen persiflieren. 

Waggis

Ein absolutes Highlight ist der Morgenstraich, mit dem montags um 4 Uhr die Fastnacht eröffnet wird. Die gesamte Strassenbeleuchtung in der Basler Innenstadt erlischt und ein Zug von Laternen setzt sich begleitet von der Musik von Flöten und Trommeln in Bewegung. Riesige Zuglaternen werden vor den Cliquen hergetragen, deren Sujet sich auch in den Kopflaternen der Mitglieder wiederfindet. Bei den Cortèges, den Umzügen am Montag und am Dienstag, stossen auch Blechbläsergruppen, die sogenannten Guggenmusiken, zu den Cliquen. Und auch in der übrigen Zeit herrscht ein buntes Treiben in der Innenstadt. Beim Gässle ziehen kleinere Gruppen von Fastnächtlern pfeifend und trommelnd durch die Strassen und am Dienstagabend finden auf dem Markt und an anderen Plätzen zahlreiche Gugge-Konzerte statt. Genau 72 Stunden nach dem Morgenstraich endet die Fastnacht am Donnerstagmorgen um 4 Uhr mit dem Ändstraich, bei dem die Cliquen einen letzten Marsch spielen und die Fastnacht verabschieden.

4) Der Carnevale di Venezia

Karneval in Venedig

Egal ob man daheim zu den Narren gehört oder sich an Fasching lieber zu Hause verkriecht, dem Zauber des Carnevale di Venezia kann man sich nicht entziehen, wenn man ihn einmal erlebt hat. Unzählige Kostümierte flanieren an Karneval in reich geschmückten historischen Gewändern und den typischen, der italienischen Commedia dell’Arte nachempfundenen Masken über den Markusplatz, durch die Gassen und entlang der Kanäle. Den feierlichen Auftakt des Spektakels stellt der „Volo dell’Angelo“ dar, bei dem eine Engelsgestalt an einem Stahlseil vom beinahe 100 Meter hohen Markusturm auf den darunter liegenden Platz schwebt. In den folgenden zehn Tagen bis zum Aschermittwoch finden überall in der Stadt Bälle, Theateraufführungen, Konzerte und Shows statt. Zu den Highlights für alle Beteiligten gehören die täglich stattfindenden Kostümwettbewerbe. Geschmückt mit fantasievollen Verkleidungen und Masken, Federn, Perücken und Hüten stolzieren die aus aller Herren Länder angereisten Kontrahenten über die Bühne auf dem Markusplatz. Das grosse Finale findet am Sonntag vor Aschermittwoch statt, wenn die Jury vor einer Menge von weit über 100.000 Besuchern das schönste Kostüm kürt.


5) Der Carnaval do Rio

Kein Artikel über Karneval wäre komplett, ohne den „Carnaval“ in Rio de Janeiro zu erwähnen, welcher alleine aufgrund seiner Grösse alle europäischen Karnevalsveranstaltungen in den Schatten stellt. Mit rund zwei Millionen Besuchern pro Tag ist der Carnaval do Rio der grösste Karneval der Welt. Jahr für Jahr treten mehr als 200 Sambaschulen in den Tagen vor der  Fastenzeit in einem grossen Wettbewerb in der Arena des Sambódromo und auf der Avenida Rio Branco gegeneinander an. In einer jeweils neunzigminütigen Show präsentiert jede Schule mit ihren bis zu 5000 Mitgliedern in glamourösen Kostümen und aufwendig gestalteten Festwagen ihr Können. Noch atemberaubender als die Paraden im Sambódromo als Zuschauer zu erleben, ist es jedoch, sich beim Strassenkarneval in den sogenannten „Blocos” selbst ins Getümmel zu stürzen und zu den Sambarhythmen hinter den Bands auf der Strasse her zu tanzen.

Rio de Janeiro Karneval

Ob im Schwarzwald, am Rhein, der Adria oder dem Zuckerhut – Karneval ist ebenso facettenreich wie mitreissend. Nicht umsonst werden die Tage vor Aschermittwoch gerne als „fünfte Jahreszeit“ bezeichnet, denn in den Hochburgen herrscht ein absoluter Ausnahmezustand. Trotz ihrer jahrhundertlangen Geschichte haben die vielfältigen karnevalistischen Traditionen bis heute nichts an ihrem Reiz verloren und laden zum Zuschauen, Staunen und Mitfeiern ein.

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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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