17 May 2018

Hongkong - das Leben in einer Millionenstadt

Leben hautnah

Chinesische Produkte sind nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Ob das Smartphone, das Auto oder dein neues Outfit, auf vielen Produkten steht “Made in China”. Wenn es aber darum geht, nach Asien zu reisen, lassen viele diesen Staat einfach aus, dabei faszinieren die modernen Metropolen Chinas mit Kontroversen. Amar hat die Weltstadt Hongkong bereist und erzählt von seinen Erlebnissen und Eindrücken.

Artikel von Amar Mistry


Während meines Studiums hatte ich einen Mitbewohner aus Hongkong, der gerne betonte, dass in seiner Heimatstadt alles besser sei – sogar McDonald’s. Er erklärte, die Dinge seien moderner und von höherer Qualität und, abgesehen von der Luftqualität, in so gut wie jeder Hinsicht besser.

Hongkong mit Nottingham zu vergleichen, Robin Hoods altem Revier, in dem mein Mitbewohner Lee und ich studierten, war nicht wirklich fair. Nachdenklich machte es mich aber trotzdem: War Hongkong wirklich so zauberhaft, wie Lee es beschrieb? Jetzt, neun Jahre später, hatte ich endlich die Gelegenheit, es herauszufinden. Ich verbrachte eine Woche in der Metropole und erkundete die Stadt mit meinem alten Freund und anderen Einheimischen. Ich besuchte alle Sehenswürdigkeiten und lernte, was es bedeutet, in Hongkong zu leben.

Hongkong besteht aus drei Teilen: Kowloon, Hong Kong Island und den New Territories. Das Klima ist tropisch mit einer Durchschnittstemperatur von 20 Grad Celsius und einer hohen Luftfeuchtigkeit. Das Stadtgebiet umspannt etwa 1.104 Quadratkilometer, was rund zwei Dritteln der Fläche Londons entspricht. Allerdings leben hier 7,2 Millionen Menschen, sodass Hongkong zu den am dichtesten besiedelten Städten der entwickelten Welt zählt. Die meisten Menschen leben in Wohnungen in Hochhäusern, welche sich auf dem Stadtgebiet dicht aneinander drängen. Mein Freund Lee wohnt zum Beispiel mit seiner gesamten Familie in einer Wohnung in der 20. Etage, was typisch für Familien in Hongkong ist.

Michael, ein anderer Einheimischer, den ich dort kennenlernte, lebt in der 17. Etage eines 35-stöckigen Gebäudes im Zentrum der Stadt. „ Es ist ganz anders als in Europa“, erklärt er. „Unsere Wohnung wird von der Familie genutzt und nicht, um Freunde einzuladen. Es gibt so viele Optionen zum Ausgehen, warum sollten wir also kochen? Ich lebe zusammen mit meiner Mutter, meiner Schwester, deren Mann, ihren zwei Kindern, der Nanny und zwei Hunden. Klar, dass es manchmal etwas eng wird, aber es ist mein Zuhause. Ich habe einen sicheren Parkplatz und eine Menge Platz für meine eigenen Sachen – was brauche ich mehr? Du findest den Ausblick aus unseren Fenstern fantastisch, aber ich bin daran gewöhnt. In Hongkong wächst jeder in einer Wohnung auf, das ist hier normal.“


Hong Kong Apartments

Wie jede andere Stadt besteht Hongkong aus verschiedenen Bezirken – touristischen Gegenden, Einkaufsstrassen, Ecken mit vielen Restaurants und Business-Vierteln. Rund 60 Millionen Besucher kommen jedes Jahr in die Stadt, die mit einer Menge Sehenswürdigkeiten aufwarten kann. Mein persönlicher Favorit war der Big Buddha, der offiziell Tian Tan Buddha heisst. Mit einer Gondelbahn fuhren wir hoch zu der gigantischen Bronzestatue, genossen die fantastische Aussicht über die grünen Hügel von Lantau Island und konnten sogar einige freilaufende Kühe beobachten. Andere besonders tolle Sehenswürdigkeiten waren Hongkong Beach und der Berg Victoria Peak, der auch einfach als „the Peak“ bekannt ist.

Auch Jadav, ein Tourist aus Indien, war beeindruckt von seinem Ausflug zum Victoria Peak: „Ich liebe die hohen Gebäude in Hongkong. Besonders der Ausblick vom Peak war atemberaubend! Bei so vielen Menschen müssen die Gebäude hier einfach so hoch sein. Das ist sehr anders als da, wo ich herkomme. Sie sind so einfallsreich hier, wenn es darum geht, den Platz auszunutzen, und es ist toll zu sehen, wie gut das funktioniert. Für mich war diese Aussicht wirklich das Grösste und ich empfehle jedem, sie bei Nacht zu bestaunen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie lebendig die Stadt ist.“


Big Buddha Hong Kong

Einkaufen und Essen

Hongkong ist ein wahres Einkaufsparadies mit günstigen Elektro- und Kleidermärkten zum Stöbern. Tauschhandel ist nicht ungewöhnlich und Orte wie Causeway Bay und Tsim Sha Tsui sind für ihre Waren bekannt. Ich erstand ein paar Powerbanks und kleinere Elektroartikel zu einem viel günstigeren Preis als zu Hause. Die Einkaufszentren sind zwar total überfüllt, aber die Artikel waren trotzdem hervorragend nach Marke und Modell sortiert.

Auch was das Essen angeht, haben Besucher und Einheimische in Hongkong die Qual der Wahl. Es gibt 61 Michelin-Restaurants und Speisen aus der ganzen Welt, sodass einem wirklich nie langweilig wird. Da es ein Teil der Kultur ist, auswärts zu essen und sich zum Essen zu verabreden, ist der Service auf Gruppen ausgerichtet und die Art, wie das Essen serviert wird, gehört beim Ausgehen mit zum Erlebnis. Viele der Restaurants liegen nicht im Erdgeschoss, sodass man zuerst das Gebäude betreten und den Lift zum Restaurant nehmen muss. Das passt nicht nur zum gesamten Aufbau Hongkongs, sondern sorgt auch dafür, dass manche Lokale vor den Touristen verborgen bleiben.


Hong Kong Street Shopping

Jess, die in Grossbritannien geboren ist und deren Eltern aus Hongkong kommen, schwärmt ebenfalls von den Möglichkeiten, die Hongkong in dieser Hinsicht bietet: „Ich reise alle paar Jahre nach Hongkong. Meine Mutter hat noch viele Verwandte hier und es ist schön, den Kontakt so aufrecht zu erhalten. Ich mag das Wetter, die Einkaufsmöglichkeiten, aber vor allem das Essen. Meine Freunde hier nehmen mich auch auf Parties mit und ich geniesse es, die Orte zu besuchen, wo meine Mutter aufgewachsen ist.“

Ich selbst probierte alles vom traditionellen Frühstück mit süss gefülltem Toast über koreanisches Barbecue bis hin zu einer besonderen Art von frittiertem Hähnchen. Es war ein Fest für meine Geschmacksknospen und dank der günstigen Preise konnten wir die besten lokalen Spezialitäten kosten. Mein besonderes Lieblingsgericht war ein hausgemachtes Barbecue bei der Familie meines Freundes mit frisch gefangenem Fisch, Meeresfrüchten und einem traditionellen scharfen Eintopf.


Hong Kong Food

Was nicht im Reiseführer steht…

Zu den abseits der touristischen Pfade gelegenen Dingen, die mir gefallen haben, gehören die Chungking Mansions, ein facettenreicher Gebäudekomplex, in dem vor allem südasiatische Immigranten ihre Waren anbieten. Hier gibt es Restaurants, kleine Werkstätten, Lebensmittelgeschäfte und vieles mehr. Ein älterer Herr aus Pakistan hat meine Haare geschnitten, während die Besitzer anderer Stände uns Telefonkarten, Taxifahrten und verschiedene Luxusgüter anboten. Die Chungking Mansions sind ein etwas raueres Pflaster und die vielen Strassenhändler können einen leicht einschüchtern –ein krasser Gegensatz zum Rest von Hongkong, der gepflegter und glänzender wirkt.

Ein grosses Lob verdient auch die U-Bahn: sie ist immer pünktlich und sehr sauber, hat eine Klimaanlage und englischsprachige Schilder, die mit Pfeilen darauf hinweisen, wo man stehen soll, wenn man wartet. Man findet sich leicht zurecht und kann mit der U-Bahn sehr bequem durch die ganze Stadt fahren.


Chunking Mansions Hong Kong

Die Geschichte Hongkongs

Die Geschichte Hongkongs ist einzigartig. Ursprünglich gehörte die Stadt zu China, wurde aber nach dem Ersten Opiumkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts zur britischen Kolonie. Abgesehen von einer kurzen Besetzung durch Japan während des Zweiten Weltkrieges blieb Hongkong bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in britischen Händen – deren Einfluss heute noch überall sichtbar ist.

1997 wurde Hongkong schliesslich zurück an China gegeben, behielt aber seine politische Autonomie. Versuche einer stärkeren Einflussnahme aus Peking haben zu grossen Spannungen in Hongkong geführt. Die verhältnismässig reiche Bevölkerung geniesst ihre Freiheit und ist deshalb zögerlich, wenn es darum geht, die strikteren Regeln zu akzeptieren, denen der Rest des Landes Folge leisten muss.

Der stärkste Wirtschaftszweig in Hongkong ist der Finanzsektor und viele Unternehmen nutzen den Standpunkt, um Zugang zum lukrativen chinesischen Markt zu erhalten. Die Wirtschaft ist liberaler als auf dem Festland und ausländische Unternehmen können sich leichter hier ansiedeln.


Hong Kong from Hill

Suzannah, eine Britin chinesischer Abstammung, die in Hongkong lebt und arbeitet, vertritt ihren Standpunkt zu diesem Thema mit grosser Leidenschaft: „Meiner Meinung nach vergessen diejenigen, die gegen China protestieren, die Geschichte“, erklärt sie. „Wir waren immer ein Teil von China und wurden nur für relativ kurze Zeit von Grossbritannien regiert. Wenn wir die Beziehungen mit China abbrächen, würde die Wirtschaft zusammenbrechen. Die Menschen verstehen gar nicht, wie sehr wir von dieser Verbindung profitieren. Ich meine, wäre auch nur die Hälfte der Firmen hier, wenn wir nicht den Zugang zum grössten Markt der Welt bieten könnten? Ich glaube nicht! Ich wünschte wirklich, die Menschen würden einsehen, was die Nähe zu China uns alles ermöglicht.“

Während meiner Zeit in Hongkong hatte ich die Gelegenheit, mit vielen Einheimischen zu sprechen und die Stadt durch ihre Augen zu sehen. Für mich ist Hongkong eine einzigartige asiatische Stadt, deren westliche Wurzeln ebenfalls weiterleben – wenn nicht in der Politik, dann aber auf jeden Fall in ihrer Infrastruktur und der Atmosphäre. Britische und chinesische Einflüsse sind überall zu entdecken. Gut strukturiert, sicher und voller versteckter Schätze, ist Hongkong ein tolles Reiseziel und ich freue mich schon jetzt auf meinen nächsten Besuch.


Aus dem Englischen TeaTime-Mag übersetzt von: Franka Leehr

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