13 Dec 2016

Heiraten auf Japanisch

Leben hautnah

Nur selten hat man die Gelegenheit, so tief in eine andere Kultur einzutauchen, wie wenn man bei einem Fest oder einer traditionellen Zeremonie dabei sein darf. Die Fotografin Anne Hornemann hatte das Glück, das deutsch-japanische Paar Nancy und Aki bei ihrer Hochzeit in Tokio fotografisch begleiten zu dürfen. Ein wahr gewordener Traum, den sie nun mit uns teilt.

Der Hochzeitstag beginnt früh für eine Braut - und deren Fotografin - in Japan. Direkt nach dem Frühstück machen Anne und Nancy sich auf den Weg in die kleine Stadt Ebina südlich von Tokio, wo die Hochzeit in einem Shinto-Schrein, einer Kultstätte des Shintoismus, stattfindet. Im Friseursalon beginnt die aufwendige Verwandlung der Deutschen Nancy zu einer japanischen Braut. Ihre Haare werden traditionell hochgesteckt, ihr Gesicht geschminkt und der weisse Hochzeitskimono mit seinen vielen Schichten, Schnüren und Schleifen angelegt. Drei Stunden dauert die Prozedur, und als Nancy und Anne weiter zu dem Shinto-Schrein ziehen, ist sie kaum wiederzuerkennen.

Braut

Anders als bei westlichen Hochzeiten häufig üblich dürfen Braut und Bräutigam sich am Tag der Heirat schon vor der Trauung sehen, sodass Nancy und Aki vor der Zeremonie einen gemeinsamen Moment der Ruhe geniessen können und Anne die Gelegenheit hat, verschiedene Aufnahmen von den beiden zu machen. Wie seine Braut ist auch Aki traditionell gekleidet. Er trägt einen gestreiften Hakama, eine Art Hosenanzug, mit einer schwarzen Jacke darüber. Vor der Kulisse der japanischen Frühlingslandschaft, umgeben vom Grün der Bambusblätter, dem leuchtenden Gelb der Rapsblüte und dem zarten Rosa der langsam erwachenden Kirschblüten wirken die beiden wie zwei Gestalten aus einem Märchen. Auch die unzähligen Holztafeln, die an dem Schrein hängen und mit japanischen Glückwünschen, Kirschblüten und zwei Schafen - die Hochzeit findet im Jahr des Schafes statt - verziert sind, tragen zu der verträumten Atmosphäre bei.


Brautpaar

Bevor sie schliesslich den Schrein betreten, waschen sich das Brautpaar und die inzwischen eingetroffenen Gäste rituell erst die linke, darauf die rechte Hand und dann den Mund, indem sie mit langstieligen, goldenen Kellen klares Wasser aus einem Brunnen schöpfen. Anschliessend ziehen sie ihre Schuhe aus und schleichen auf Socken in den Zeremoniebereich. Es ist dunkel, gemütlich und sehr still in dem kleinen Holzgebäude. Anders als sonst in Japan üblich sind nicht nur die engsten Angehörigen, sondern auch Freunde bei der Trauung dabei. Dicht nebeneinander sitzen sie in Reihen oder stehen im Hintergrund und lauschen andächtig der Zeremonie. Der Oberpriester schwenkt Zweige eines heiligen Baumes, um die Götter milde zu stimmen und den Raum zu reinigen, bevor die Priesterin für das Brautpaar drei kleine Schalen mit Sake füllt. Abwechselnd trinken Aki und Nancy jeweils dreimal aus den Schalen - ein Symbol der Vereinigung und zentraler Mittelpunkt der Zeremonie. Anschliessend werden sie vom Oberpriester gesegnet und tragen gemeinsam auf Japanisch einen Schwur vor, den sie dann unterzeichnen und damit ihre Ehe bekräftigen. Eine grosse Trommel ertönt und in der darauf folgenden Stille ist nicht einmal das Atmen der Anwesenden zu hören. Als Abschluss der Zeremonie werden den Göttern Opfergaben in Form von Blättern dargebracht. Dazu verneigen sich erst das Brautpaar und dann auch ihre Eltern vor dem Shinto-Altar und klatschen in einem bestimmten Rhythmus in die Hände.


Schuhe

Nach der Trauung versammeln sich alle noch einmal vor dem Schrein, um Gruppenfotos zu machen und dem Brautpaar zu gratulieren, bevor die Feierlichkeiten im Festsaal beginnen. Auch hier müssen die Schuhe draussen bleiben und werden gegen gemütliche, karierte Stoffschlappen eingetauscht, die einen herrlichen Kontrast zur eleganten Garderobe von Brautpaar und Gästen bilden. Wie auch bei westlichen Hochzeiten üblich werden zu Beginn der Feier Reden gehalten und Glückwünsche überbracht. Dann wird in einem symbolischen Akt das Sakefass angeschlagen und der Reiswein in quadratischen Schalen an die Gäste verteilt, die sie untereinander weiterreichen und mit denen sie anstossen. Das Festessen besteht aus köstlichen Sushihappen und weiteren japanischen Delikatessen, die in Schalen an den Plätzen serviert werden.

Die Hochzeitsparty findet am nächsten Tag statt - diesmal in einem Restaurant in Tokio und nur im Kreis von Freunden. Statt Kimono und Hakama tragen Braut und Bräutigam nun ein weisses Hochzeitskleid und einen schwarzen Anzug. Die Stimmung ist ausgelassen. Es wird gelacht und erzählt, mit Sekt angestossen und lecker gespeist. Auch eine aufwendig dekorierte Hochzeitstorte darf nicht fehlen, die Nancy und Aki gemeinsam anschneiden und verkosten, ganz so wie es auch hierzulande üblich ist.

Hochzeitstorte

Nur selten hat man die Gelegenheit, so tief in eine andere Kultur einzutauchen. Doch noch seltener wird man Zeuge, wie zwei Kulturen sich auf so wunderbare Art und Weise verbinden und ergänzen und aus ihnen etwas Neues entsteht.

Alles Gute, Nancy und Aki, für euren gemeinsamen Lebensweg! Danke, Anne, dass wir an diesem Abenteuer teilhaben durften! Mehr Fotos unter http://hornemann-photographie.de/shinto-hochzeit-in-tokio-japan/


Autor

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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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