25 Jul 2017

Eine kulinarische Entdeckungsreise durch Melbourne

Leben hautnah

Australiens südliche Metropole ist Heimat einer dynamischen Foodszene, in der sich die Einflüsse seiner vielen Einwanderer wiederfinden.


Ganz im Süden Australiens liegt der Staat Victoria, der trotz seiner geringen Grösse über ein reichhaltiges kulturelles Angebot verfügt. Im Gegensatz zu anderen Orten in Down Under, die mit dramatischen Landschaften und exotischen Tieren aufwarten, bietet Victoria einen schmackhafteren Lebensstil. Die hier gelegene Metropole Melbourne ist Australiens Hauptstadt in Sachen Kaffee, Kochkunst, und Kultur. Für Reisende und Einheimische gibt es keinen besseren Ort als diese Stadt im Süden des Kontinents, um die Geschmacksnerven mit gutem Kaffee, exzentrischen kleinen Bars, internationalen Restaurants und ausgedehnten Brunches am Wochenende auf Entdeckungsreise gehen zu lassen.

Melbourne

Einwanderungsgeschichte

Seit seiner Gründung war Melbourne ein Schmelztiegel für Immigranten und Besucher. Die erste grosse Einwanderungswelle nach Victoria war in den 1850er Jahren, als der Gold Rush den Staat ergriff und Briten, Iren, Amerikaner, Deutsche und Chinesen ihr Leben umkrempelten und ihr Glück in den australischen Goldfeldern versuchten. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam die europäische Welle – angeführt von Griechen und Italienern – mit voller Macht. Doch auch libanesische und türkische Familien zogen in grosser Zahl nach Melbourne. Die Einwanderung aus einigen Ländern war so stark, dass ihre Landsmänner und ihre Küche heute synonym mit der Stadt sind. So ist der vietnamesische Nachname „Nguyen“ nach „Smith“ der zweithäufigste Eintrag in Melbournes Telefonbuch. Und mit mehr als 180 Jahren griechischer Einwanderung nach Melbourne existiert hier heute die grösste griechischsprachige Gemeinschaft ausserhalb Europas.


Die Einwanderung hat der lokalen Essens- und Restaurantszene eine besondere Würze verliehen. „Melbournes Foodszene ist viel multikultureller als die im Rest von Australien und die Restaurants hier probieren viel mehr in ihren Menüs aus“, erklärt Keith Resoort, der im peruanischen Restaurant Pastuso als Koch arbeitet. Mit 135 verschiedenen Herkunftsländern, welche zu Melbournes kulturellem Erbe beitragen, können neugierige Kunden verschiedene Küchen aus Übersee probieren und jeden Tag kulinarisch um die Welt reisen – mit einer einfachen Speisekarte als Reiseführer. „Gäste finden eine grosse Auswahl an Fusion-Restaurants vor“, sagt Keith. „Japanisch, Französisch, Thailändisch, Chinesisch und Italienisch sind die stärksten Strömungen, aber es gibt auch eine Menge lateinamerikanischer und afrikanischer Restaurants.“


Die Einwohner Melbournes sind besonders stolz auf das Ansehen, welches ihre Stadt unter Foodies geniesst. Aber sie applaudieren nicht einfach blind, sie erwarten auch Qualität. „Melbournes Szene ist voll von grossartigen Angeboten in Sachen Food und Drinks. Der Ruf der Stadt bedeutet, dass die Einwohner einen hohen Massstab ansetzen“, sagt Anita Vee, eine stolze Einwohnerin. „Ich habe in verschiedenen Städten in Australien gelebt und kann die hohe Qualität und vielfältige Auswahl, die es in Melbourne gibt, nur bestätigen.“


Melbourne

Authentische Küche am anderen Ende der Welt

Als Koch interessiert sich Keith vor allem für Lateinamerika, wohin er selbst gereist ist. „Was mich an der lateinamerikanischen Küche besonders begeistert, ist, dass nichts schlicht ist. Alle Öle sind mit Gewürzen versetzt, alles ist irgendwie mariniert und alles wird mit frischen Zutaten zubereitet“, erzählt er. Wie zu erwarten, gab es für Keith einige Herausforderungen, beispielsweise das logistische Problem bei dem Versuch, authentisches peruanisches Essen in Südaustralien zuzubereiten. Pastuso importiert einige Zutaten, wie Gewürzpasten, Cocablätter und peruanische Chilis, direkt aus Peru und kann andere Produkte von australischen Quellen beziehen. „Casa Iberica ist ein Lebensmittelgeschäft, welches alle Arten lateinamerikanischer Produkte vertreibt: von gepökeltem Fleisch über getrocknete Chilis bis hin zu Süssigkeiten und argentinischer Mate. In der Nähe von Sydney gibt es ausserdem einen Alpaka-Züchter, der uns mit frischem Alpakafleisch versorgt“, erklärt Keith.


Neben der Beschaffung authentischer Zutaten stellen auch der Gebrauch besonderer Küchengeräte sowie ungewohnte Zubereitungsarten eine spannende Aufgabe dar. „Wir haben einen traditionellen peruanischen „Cilindro“ (eine Räucherkammer) sowie eine „Parilla“ (ein Grill), die ich noch nie zuvor benutzt hatte“, berichtet Keith. „Auch Alpaka zuzubereiten war eine Herausforderung, da es anders ist als alles, was ich jemals zubereitet hatte. Es ist so mager, dass es leicht austrocknet, wenn es nicht richtig gekocht wird.“


Glücklicherweise sehen sich die Gäste nicht mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert: In Melbourne ist es ein Leichtes, gutes Essen in einem ansprechenden Restaurant zu finden. „Es gibt wunderbare Restaurants in der ganzen Stadt“, sagt Mandy Welfare, eine britische Auswanderin, die bereits seit vielen Monaten in Melbourne lebt. „In Brunswick gibt es einige ganz süsse Lokale mit überschaubaren Preisen. Für elegante Dinner würde ich South Yarra empfehlen und für ihre hippen Cafés die Viertel Yarraville und Williamstown.“ Einheimische wie Anita teilen diese Einschätzung. „In den einzelnen Stadtteilen und über die ganze Stadt verteilt gibt es tolle Optionen für ein leckeres Brunch und exquisiten Kaffee, günstige Kombos aus Essen und Bier für Backpacker oder authentisches asiatisches Essen. Es gibt sehr vornehme Restaurants, aber auch elegante Lokale mit gemässigten Preisen. Man findet hier alles, was man will.“


Doch wo genau sollten neugierige Foodies bei solch einer grossen Auswahl an Angeboten mit ihrer Suche beginnen? Wie bei jeder anderen Reise und bei jedem kulinarischen Abenteuer hängt das natürlich davon ab, wonach man genau sucht.


Melbourne

Eine Speisekarte als Reiseführer

Um nach Asien einzutauchen, begibst du dich am besten in die engen Gassen und Arkaden von Australiens ältester Chinatown. Hier, in und um Little Bourke Street, haben viele Restaurants und Geschäfte ihre Türen bereits seit den 1860ern für Kunden geöffnet. Ihr Yum Cha, ihre traditionelle Küche und chinesische Medizin machen einen Besuch in den Strassen zu einer so authentischen Erfahrung, wie man sie sich ausserhalb Chinas nur wünschen kann. Von hier aus spazierst du weiter durch das vietnamesische Viertel in der Victoria Street und machst deinen Geschmacksknospen mit Reispapier-Rollen, Pho und Nudeln, die sowohl lecker als  auch preiswert sind, eine köstliche Freude.


Melbournes Hommage an Europa beginnt in Lonsdale Street, wo seit den 1930ern ein lebhaftes griechisches Viertel existiert. Hier findest du neben Geschäften mit griechischen Artikeln, Magazinen und Musik auch leckeres Baklava, Souvlaki und Mezze. Von hier aus geht die Entdeckungsreise weiter nach Little Italy in der Lygon Street im Stadtteil Carlton. Bereits ein Blick auf die Speisekarte der hier ansässigen Restaurants mit ihren gemütlichen Terrassen lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen: eine Vielfalt an Pizzen, italienischem Eis und Biscotti warten darauf, probiert zu werden.


Oder suchst du nach Tapas, Sangria, Fajitas und Mojitos? Spanien und Mexiko warten in der Johnston Street in Fitzroy auf hungrige Besucher. Noch exotischer wird es auf dem afghanischen Basar in der Thomas Street in Dandenong oder in Little India, welches sich im gleichen Stadtteil über die Robinson, Walker und Foster Streets erstreckt. Anschliessend kannst du deine kulinarische Entdeckungsreise in den türkischen Cafés auf der Sydney Road in Brunswick oder beim Afrikaner in Central Footscray ausklingen lassen.


Die vielen fremdländischen Geschmäcker werden in Melbourne mit Begeisterung angenommen. Anstatt die Speisen für die nicht an exotische Aromen gewöhnten Gaumen zu vereinfachen, stellt Keith fest, dass die Reaktion der Kunden auf die Gerichte sehr positiv ist. „Australier lieben die Küche und das Feedback, das wir erhalten, ist grossartig“, versichert er.


Melbournes reichhaltige und komplexe Restaurantkultur lädt dazu ein, Verabredungen mit Freunden stets mit einem Teller voller Leckereien zu zelebrieren. Oder – um es mit Anitas Worten zu sagen: In Melbourne auszugehen heisst „…gute Musik im Hintergrund, bärtige Baristas und einfach eine angenehme Stimmung, wenn Menschen zum Essen zusammenkommen – und das Essen ist immer gut.“ Von Afrika über Asien bis nach Lateinamerika – in den Restaurants in Melbourne ist einfach für jeden Geschmack etwas dabei.


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AutorTeaTime-Mag

Aus dem Englischen übersetzt von: Franka Leehr

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