13 Jun 2017

Zweisprachigkeit bei Kindern

Sprachdschungel

Die Gründe für eine zwei- oder mehrsprachige Erziehung können ganz vielfältig sein. Tatsächlich ist die Mehrheit aller Menschen bilingual. Viele wohnen in mehrsprachigen Ländern, andere lernen neben der Landessprache auch die Sprache(n) ihrer Eltern oder Grosseltern. Auch die Erziehung in einer Fremdsprache ist möglich, wenn die Eltern diese Sprache gut beherrschen und gerne in ihr kommunizieren. Die Vorteile einer mehrsprachigen Erziehung liegen meist auf der Hand. Indem Eltern in ihrer Muttersprache mit ihrem Kind sprechen, helfen sie diesem, eine Beziehung zu ihrer Kultur aufzubauen und eine eigene kulturelle Identität zu entwickeln. Wer sein Kind in mehr als einer Sprache erzieht, möchte ihm zudem vielleicht einen Vorsprung für später – für die Schule, den Beruf und das Reisen – geben.  Doch das Aufwachsen mit mehreren Sprachen bringt nicht nur Vorteile für die Kommunikation oder etwa die Karriere. „Mehrsprachigkeit erlaubt Kindern, die Welt in einem vollkommen anderen Licht zu sehen“, sagt Stephanie Meade vom Online-Magazin InCultureParent. Sie werden offener und toleranter anderen Kulturen gegenüber und verfügen über die besten Voraussetzungen, um ihren Horizont ihr Leben lang zu erweitern.

Ist es denn sinnvoll, Kinder mehrsprachig zu erziehen?

Während noch vor wenigen Jahrzehnten angenommen wurde, dass eine zweisprachige Erziehung Kinder überfordert, ihre Entwicklung hemmt oder sie beide Sprachen nur unvollkommen lernen lässt, sind heute die kognitiven Vorteile einer mehrsprachigen Erziehung anerkannt. Unter Wissenschaftlern besteht Übereinstimmung, dass mehrsprachige Kinder mühelos zwischen den verschiedenen Sprachen unterscheiden und separate Kompetenzen in ihnen entwickeln können. Die „Critical Period Hypothesis“ geht darüber hinaus davon aus, dass Kinder nicht nur problemlos mehrere Sprachen lernen können, sondern dass sie es sogar besser tun als Erwachsene und dabei grössere Erfolge erzielen als Menschen, die erst später im Leben anfangen, eine Sprache zu lernen. Unumstritten ist diese These allerdings nicht. So vertritt der Sprachwissenschaftler François Grosjean beispielsweise, dass man in jedem Alter mehrsprachig werden kann und oft nur seinen Akzent beibehält. Der entscheidenden Vorteil beim Spracherwerb von Kindern ist allerdings offensichtlich: Während Erwachsene meist systematisch Vokabeln, Grammatik und Syntax einer neuen Sprache pauken müssen, lernen Kinder diese intuitiv und relativ mühelos.


Daneben gibt es noch weitere Vorzüge einer mehrsprachigen Erziehung. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich gibt Hinweise darauf, dass zweisprachige Kinder komplexe Situationen, wie Missverständnisse besser erkennen und entsprechend mit ihnen umgehen können. Ausserdem deutet vieles darauf hin, dass mehrsprachige Kinder ein besseres Verständnis für die verschiedenen Kulturen haben. In ihrer TED-Ed Lektion über Zweisprachigkeit äussert Mia Nacamulli beispielsweise die Vermutung, dass man bei einer Sprache, die man bereits als Kind gelernt hat, leichter auch den sozialen und emotionalen Kontext versteht, wohingegen das Vorgehen bei Sprachen, die man erst als Erwachsener lernt, oft rationaler ist.

Zweisprachige Erziehung

Arten der zweisprachigen Erziehung

Ebenso unterschiedlich, wie die Gründe für eine mehrsprachige Erziehung, sind auch die Familien, die sich für eine solche entscheiden. Die Sprachwissenschaftlerin Suzanne Romaine unterscheidet sechs Arten von mehrsprachigen Familien, die sich alle auch in meinem eigenen Freundeskreis wiederfinden lassen:


Zwei Sprachen: Eine Sprache pro Elternteil (eine davon Umgebungssprache)

So machen es beispielsweise Amy und Carlos, die mit ihren Kindern in Schottland leben. Carlos stammt aus Peru und spricht ausschliesslich Spanisch mit den beiden. Amy redet hauptsächlich auf Englisch mit ihren Kindern, mit ihrem Mann spricht sie hingegen Spanisch.


Zwei Sprachen: Ein Elternteil spricht die Umgebungssprache, der andere nicht; zu Hause Nichtumgebungssprache

Dies ist der Fall bei Darren und seiner Familie. Er ist Brite, lebt aber mit seiner chinesischen Frau und Tochter in China. Wenn sie zu dritt sind, sprechen sie alle Englisch miteinander. In anderen Situationen darf seine Tochter sich aussuchen, welche Sprache sie verwenden möchte.


Zwei Sprachen: Beide Eltern sprechen die gleiche Sprache; zu Hause Nichtumgebungssprache

Dani und Luiz kommen beide aus Brasilien, haben jedoch auch eine lange Zeit in Irland verbracht, wo ihr gemeinsamer Sohn zur Welt gekommen ist. Seit einigen Monaten leben sie in den Niederlanden. Niederländisch lernt ihr Sohn im Kindergarten, zu Hause sprechen sie Portugiesisch. Wenn sie mit Menschen zusammen sind, die kein Portugiesisch können, sprechen die Eltern auch mit ihrem Sohn Englisch.


Drei Sprachen: Beide Eltern sprechen verschiedene Sprachen; Umgebungssprache draussen

Im Fall von Laura und ihrer Familie sind es sogar vier. Sie selbst ist Finnin, ihr Mann stammt aus Polen. Mit ihren beiden Töchtern leben sie in Wien. Laura spricht Finnisch mit den Kindern, Artur Polnisch. Untereinander kommunizieren die Eltern auf Englisch, eine passive Sprache für die Kinder, die sie zwar täglich hören, aber selbst nicht verwenden müssen. Hinzu kommt Deutsch, das die Mädchen im Kindergarten lernen.


Fremdsprache: Ein Elternteil spricht eine Fremdsprache mit dem Kind

Sarah hat mir ihrem Mann und ihrer Tochter lange Zeit in Australien gelebt. Da ihre Rückkehr nach Deutschland nur als Zwischenstopp gedacht war, fanden die Eltern es naheliegend, dass nur ein Elternteil Deutsch mit dem Kind spricht, während der andere auf Englisch mit ihm kommuniziert.


Mix: Jeder spricht so, wie er es gerade möchte

In vielen – wahrscheinlich sogar den meisten – Familien werden die Sprachen durcheinander gesprochen. Allerdings kann es auch hier unsichtbare Regeln geben, wie die Sprachwissenschaftlerin Elke Montanari anmerkt. Selbst wenn es so scheint, als würden Familienmitglieder die Sprachen willkürlich benutzen, kann es doch sein, dass eine Sprache bestimmten Situationen vorbehalten ist oder hauptsächlich im Umgang mit bestimmten Menschen verwendet wird.


Viele Wege führen also nach Rom und letztendlich muss jede Familie selbst entscheiden, wie sie ihre Zwei- oder Mehrsprachigkeit im Alltag leben möchte. Wichtig ist, dass Eltern sich darüber Gedanken machen, wie sie mit ihren Kindern kommunizieren, die jeweilige Sprache gut beherrschen – andernfalls geben sie auch ihre Fehler an die Kinder weiter – und sich wohlfühlen, wenn sie sie benutzen.


 

Zwei Sprachen

Drei oder mehr Sprachen

Fremdsprache

Beide Eltern sprechen verschiedene Sprachen mit ihren Kindern. Eine davon ist die Umgebungssprache.

Beide Eltern sprechen verschiedene Sprachen mit ihren Kindern. Die Umgebungssprache lernen die Kinder draussen.

Ein Elternteil spricht eine Fremdsprache mit dem Kind, der andere die Umgebungssprache.

Ein Elternteil spricht die Umgebungssprache, der andere nicht.  Zu Hause sprechen alle die Nichtumgebungssprache.

Jeder spricht so, wie er es gerade möchte.

Beide Eltern sprechen die gleiche Sprache. Zu Hause sprechen alle die Nichtumgebungssprache.

 

Zweisprachige Erziehung

Tipps für die zweisprachige Erziehung

Die Kommunikation mit den Eltern allein reicht selten für eine mehrsprachige Erziehung. Fast alle Familien lesen mit ihren Kindern Bücher, hören Musik oder schauen Filme in den verschiedenen Sprachen. Hinzu kommen Telefonate und Videochats mit Verwandten im Ausland, Verabredungen mit Kindern, die die gleichen Sprachen sprechen, und besondere Aktivitäten, wie die Veranstaltungen einer lateinamerikanischen Gemeinschaft, der Amy und Carlos angehören, oder eine finnische Musikgruppe, die Laura jede Woche mit ihren Kindern besucht. Darren geht mit seiner Tochter ausserdem zum Englischunterricht und empfiehlt einen englischsprachigen Kindergarten.


Auffällig ist, dass sich alle Familien darauf konzentrieren, die Nichtumgebungssprache besonders zu fördern, und diese auch allgemein als schwächere Sprache bezeichnen. „Es ist normal, dass die Sprache des Landes, in dem das Kind aufwächst, die stärkere ist – vor allem, wenn ein Elternteil ebenfalls diese Sprache spricht“, erklärt Darren. Auch Amys Kinder sprechen besser Englisch als Spanisch, obwohl sie beide Sprachen gut verstehen. Der Sprachwissenschaftler Grosjean rät aus diesem Grund dazu, dass alle Familienmitglieder zu Hause die Nichtumgebungssprache sprechen, um den Kontakt der Kinder mit der Sprache zu maximieren und „das Revier der Sprache zu markieren“. Schwierig ist dies natürlich, wenn beide Elternteile verschiedene Sprachen sprechen und die Muttersprache des anderen nicht beherrschen, wie es bei Laura und Artur der Fall ist. Damit ihre Töchter trotzdem die Sprachen beider Eltern lernen, haben sie klare Regeln aufgestellt. Jeder Erwachsene spricht ausschliesslich seine Muttersprache mit den Kindern und versucht ausserdem, jede Woche etwas Zeit alleine mit ihnen zu verbringen, damit sie sich ganz auf eine Sprache konzentrieren können. „Ich glaube, am wichtigsten ist, dass wir jedes Jahr einmal mit den Kindern in unsere Heimatländer reisen“, sagt Laura, und auch Amy und Darren beobachten nach Reisen nach England bzw. Spanien bemerkenswerte Fortschritte beim Sprachgebrauch ihrer Kinder. Dass die Kinder besonders auf Reisen oder im Umgang mit anderen Kindern oder einsprachigen Verwandten besondere Fortschritte machen, liegt nicht nur daran, dass sie in diesen Situationen verstärkt der jeweiligen Sprache ausgesetzt sind. Zusätzlich merken sie (meist unbewusst) dass sie die Sprache wirklich benötigen – eine Erkenntnis, die der Linguist Grosjean als „entscheidenden Faktor“ beim Erlernen einer Sprache bezeichnet.


Auch bei anderen eventuellen Schwierigkeiten in der mehrsprachigen Erziehung sieht Grosjean die Lösung darin, die Notwendigkeit dieser Sprache hervorzuheben. Wenn Kinder beispielsweise dazu neigen, ihre Sprachen zu vermischen, rät er den Eltern, gezielt einsprachige Situationen zu schaffen, in denen die Kinder erkennen, dass sie nur in dieser Sprache etwas erreichen können. Gerade bei kleineren Kindern ist das Vermischen oder Hin- und Herspringen zwischen den Sprachen jedoch wenig besorgniserregend. Oft liegt das daran, dass ihr Wortschatz noch nicht gross genug ist, sodass sie einen Begriff aus der anderen Sprache leihen müssen. Auch einsprachige Kinder sind oft nicht in der Lage, alles ausdrücken zu können, was sie sagen möchten. Sobald sie über ein ausreichendes Vokabular verfügen – etwa im Alter von 4 Jahren – treten diese Probleme bereits viel seltener auf.


Ein weiteres Thema, über das sich viele Eltern Gedanken machen, ist eine Verzögerung in der Sprachentwicklung. „Ich hatte gehört, dass mehrsprachige Kinder später anfangen zu sprechen“, berichtet Amy und erklärt ihren Lösungsansatz. „Sofía und ich haben deshalb die einfache Zeichensprache Makaton gelernt, um ihr für die Zwischenzeit ein Kommunikationsmittel zu geben. Ich glaube, das hat beiden Sprachen geholfen, da sie einen Begriff in Englisch und Spanisch mit einem einzigen Zeichen verbinden konnte. Letztendlich hat sie auch gar nicht spät mit dem Sprechen angefangen und kommuniziert sehr gut in Englisch.“

Zweisprachige Familie

Kleine Hilfestellungen für den Alltag

Auch alltägliche kleine Hilfestellungen können Kindern beim Lernen einer Sprache helfen. Wenn sie beim Erzählen nach einem Wort suchen, kann man die erste Silbe oder den Anfangslaut vorgeben. Sprachliche Fehler lassen sich ganz einfach korrigieren, indem man den Satz oder die Aussage noch einmal korrekt wiederholt. Dies funktioniert auch, wenn die Kinder im Eifer des Gefechts etwas in der „falschen“ Sprache erzählen. Statt einer Ermahnung hilft es, einfach in der „richtigen“ Sprache zu antworten und die Geschichte selbst noch einmal in dieser Sprache nachzuerzählen.


Wichtig ist ein positiver Umgang mit der Sprache. „Loben, loben, loben!“, rät Darren. Elke Montanari empfiehlt ausserdem, Worten Taten folgen zu lassen. Wenn ein Kind sich also bemüht, eine Bitte in seiner schwächeren Sprache zu formulieren, sollten Eltern dieser auch nachkommen und dem Kind ihre Aufmerksamkeit schenken oder das Spielzeug holen, nach dem es gerade gefragt hat. Besonders in der Nichtumgebungssprache ist es wichtig, Kinder zum Sprechen zu ermutigen, beispielsweise indem man offene Fragen stellt, Gespräche durch Gegenfragen weiterführt oder durch freundliches Bitten, die Frage „Wie bitte?“  oder ein gespieltes Nichtverstehen zu einem Wechsel zu der anderen Sprache auffordert. Eine weitere Motivationshilfe – besonders, wenn grössere Kinder anfangen, sich weniger für die Sprache ihrer Eltern zu interessieren – ist eine sogenannte „Schatzsuche“. Ein Thema oder eine Aktivität zu finden, die die Kinder brennend interessiert und die mit der Sprache oder Kultur verbunden ist, kann ein ganz besonderer Ansporn sein.


Kinder zweisprachig zu erziehen, ist also besonders für die Eltern mit viel Aufwand verbunden. Während die Kinder scheinbar mühelos die Begriffe und Strukturen mehrerer Sprachen aufnehmen und umsetzen können, müssen Eltern sich auch in schwierigen Situationen an ihre selbst gesetzten Regeln halten, konstant nach Anreizen und neuen Aktivitäten in der jeweiligen Sprache suchen, sich um Spielkameraden bemühen und häufig auf Reisen in andere Länder zugunsten eines Heimaturlaubs verzichten. Jedoch ist es auch eine lohnenswerte Aufgabe. Neben den anerkannten kognitiven Vorteilen einer Mehrsprachigkeit – das Gehirn scheint gesünder, komplexer und aktiver zu sein – eröffnen wir unseren Kindern durch eine mehrsprachige Erziehung nicht nur einen Zugang zu unserer eigenen Kultur, sondern auch ein Tor zur Welt.


Zweisprachigkeit in der Schule

Autor

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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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