14 Nov 2017

Sprichst du Kanadisch?

Sprachdschungel

Jeder, den es schon einmal nach Kanada verschlagen hat, wird einige besondere Ausdrücke und Redewendungen kennen, die nur hier gebräuchlich sind. Einwanderer aus aller Welt haben zu einem kulturellen Reichtum und einer Vielfalt beigetragen, die sich im kanadischen Slang wiederspiegeln. Doch bereits vor der Zeit der europäischen Siedler existierte eine Fülle an indigenen Sprachen und Dialekten, von denen bis heute mehr als 65 weiterhin gesprochen werden.


Diesem linguistischen Reichtum ist auch die Entwicklung gemischter Sprachen und Dialekte zu verdanken. Neben dem akadischen Französisch und Franglais gibt es beispielsweise das kanadische Gälisch, den Chinook Jargon und das baskische Pidgin. Aber auch die Amtssprachen Französisch und Englisch wurden durch diese Vielfalt beeinflusst.

Eh, Mountie, double-double 

Einige der bekanntesten kanadischen Ausdrücke wie „Eh”, „Mountie” und „double-double” kennst du vielleicht. Aber was bedeuten sie eigentlich? „Eh?” wird in etwa wie der englische Buchstabe “A” ausgesprochen und bedeutet am Ende eines Satzes so etwas wie „Meinst du nicht auch?”. Der Yalea-Blog ist super, eh?


Ein „Mountie” ist ein Mitglied der Royal Canadian Mounted Police (RCMP), die berühmt für ihre roten Uniformen, die unverkennbaren Hüte mit der breiten Krempe und natürlich ihre Pferde ist. Obwohl die Offiziere der berittenen Polizei heutzutage selten in ihrer traditionellen Uniform und auf dem Rücken eines Pferdes unterwegs sind, sieht man die Mounties noch immer bei Zeremonien und zu besonderen Anlässen.

Royal Candian Mounted Police

„Double-double” ist hingegen ein moderner Ausdruck, der von der kanadischen Fast-Food-Kette Tim Horton’s berühmt gemacht wurde und „zwei Milch, zwei Zucker” bedeutet. Wenn du eine besondere Naschkatzen bist, kannst du in Kanada im Café natürlich auch einen „triple-triple” oder sogar einen „quad-quad” bestellen.


Neben diesen bekannten Begriffen werden dir im „Great White North” auch weniger bekannte Ausdrücke begegnen, wie zum Beispiel „pop” für kohlensäurehaltige Drinks oder „Canuck” für die Kanadier selbst. Mit Sicherheit wirst du die Leute auch über „loonies” oder„toonies” reden hören. Hierbei handelt es sich um die kanadischen 1$- und 2$-Münzen, deren Name sich von dem Bild des einheimischen Wasservogels „Loon” auf der Rückseite der Dollarmünzen ableitet.


Neufundlands Eigenarten

Natürlich gibt es auch eine Menge regionaler Ausdrücke, die sich oft auf Orte beziehen. „T-dot” steht beispielsweise für Toronto, während „GTA” die Kurzform für die „Greater Toronto Area” ist. Neufundland wird gerne schlicht als „the Rock” bezeichnet, wohingegen die Neufundländer selbst vom Rest von Kanada als „the mainland” sprechen.


Unter den englischsprachigen Gebieten Kanadas gelten die Küstenprovinzen im Osten des Landes wie Neufundland, New Brunswick, Nova Scotia und Prince Edward Island als sprachlich besonders divers und aussergewöhnlich. Der einmalige Dialekt der Küstenbewohner lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass hier schon viel länger als im Rest des Landes Englisch gesprochen wurde. Es kann aber auch an den vielen Neuankömmlingen liegen, die über die Jahrhunderte hinweg hier landeten und die Kultur beeinflussten.


„Viele unserer Begriffe sind von alten englischen und schottischen Worten abgeleitet”, erklärt Darren aus Neufundland. Das ist kein Wunder, denn die Insel am Sankt-Lorenz-Golf gehörte bereits seit 1583 zu England und zog in den kommenden Jahrhunderten Scharen an Einwanderern aus Schottland, Irland und anderen Gegenden Europas an. „Manche Leute verwenden beispielsweise die Bezeichnungen ‚me old trout’ oder ‚me old cock’ als Kosenamen. Auch das Wort ‚to’ gebrauchen wir anders als der Rest von Kanada. Beispielsweise würde ich ‚Where are you to?’  oder ‚Where is that to?’ sagen anstelle von ‚Where are you?’ und ‚Where about is that?’”.

Neufundland

„Eine meiner liebsten neufundländischen Redewendungen ist ‚What’s after happening now?’, erzählt hingegen Sydney aus Nova Scotia. „Die Neufundländer benutzen den Satz statt ‚Was ist los?’ oder ‚Was habe ich verpasst?’, beispielsweise wenn du in einen Raum kommst, in dem alle Menschen lachen, und du wissen möchtest, was so lustig ist.”


„‚By’ ist ebenfalls sehr verbreitet”, fügt Darren hinzu. „Die Leute bezeichnen so ihre Kumpel. Wenn du einen Neufundländer über einen ‚buddy’ sprechen hörst, meint er damit (anders als sonst im Englischen üblich) jemanden, den er nicht kennt und vielleicht nicht einmal mag. Wenn er aber ‚by’ sagt, spricht er über einen Freund. Möglicherweise hörst du auch einmal, dass jemand als ‚nish’ bezeichnet wird. Das bedeutet so viel wie ‚schwächlich’, zum Beispiel wenn jemand nicht in der Lage ist, Holz zu hacken.”


Eine andere Anekdote über die lokalen Unterschiede kann David erzählen, der von Ontario nach Neufundland gezogen ist. „Ich erinnere mich, dass ich anfangs verwirrt war, wenn die Leute hier über ‚skipping pans’ sprachen. Ich konnte mir darunter absolut nichts vorstellen, bis ich merkte, dass sie von kleinen Eisschollen sprachen und darüber, wie sie als Kinder von Scholle zu Scholle gesprungen sind. Generell haben die Neufundländer viele Redewendungen, die mit dem Wetter zu tun haben, wie etwa den ‚lazy wind’, der direkt durch dich durch anstatt um dich herum bläst.”

Der Wind, das Wetter und die Sprache

Aufgrund von Kanadas extremem Klima ist es nicht überraschend, dass es auch ausserhalb von Neufundland viele Ausdrücke gibt, die sich auf das Wetter beziehen. Das riesige Land erstreckt sich über mehrere Klimazonen und bietet alles von Permafrost im hohen Norden über ein maritimes Klima an der Küste bis hin zu vier distinkten Jahreszeiten im Süden nahe der Grenze zu den USA. Während die Menschen hier lange Sommer und schneereiche Winter erleben, herrscht an der Westküste ein mildes Klima mit viel Regen in den Wintermonaten. Besonders zu dieser Zeit wirst du die Menschen in British Columbia daher von „soakers” reden hören, grossen Pfützen, die deine Schuhe durchweichen und dir nasse Füsse bescheren. Andernorts haben auch die verschiedenen Winde eigene Namen bekommen. 


In den Prairieprovinzen zwischen den Rocky Mountains und den Grossen Seen herrscht ein kontinentales Klima mit heissen Sommern und eisigen Wintern vor. Besonders willkommen ist den Menschen deshalb ein warmer, trockener Wind, der als „Chinook” bezeichnet wird und die Temperaturen im Winter stark ansteigen lässt. Da er selbst eine dicke Schneedecke innerhalb von kurzer Zeit zum Schmelzen oder Verdampfen bringt, ist er auch als „snow-eater” oder „rancher’s friend” bekannt. Das kalte Gegenstück des Chinook ist der „Yoho Blow”, welcher auch „whoolly whipper” oder „barber” genannt wird. Auch die Regionen an der Ostküste sind oft starken Winden oder Stürmen ausgesetzt. Auf Cape Breton Island, einem Teil von Nova Scotia, wehen oft heftige Winde, die von den Einheimischen „Les Suetes” genannt werden, was sich vom französischen Wort „sudouest”, also Südwesten, ableitet.


Kanada

Cowboys und Chinook Jargon

Während an der Atlantikküste vor allem Einwanderer und Seefahrer die Sprache und Kultur prägten, ist der Westen hingegen das Land der Cowboys. In den weiten Landstrichen zwischen Manitoba und British Columbia erinnern heute noch einige gängige Ausdrücke an diese Zeit. Dazu zählen unter anderem die Begriffe „gitch” und „gotch” für Herren-, bzw. Damenunterwäsche, sowie „kicks” für Schuhe.


Im Westen Kanadas leben auch die grössten indigenen Gruppierungen des Landes, deren Sprachen zur Bildung eines besonderen Dialekts beigetragen haben. Der in Teilen von Alberta, British Columbia und Manitoba verbreitete Chinook Jargon ist eine Mischung aus Englisch und verschiedenen indigenen Sprachen, durch den auch viele Inuit-Worte Eingang ins Englische gefunden haben. Ein Beispiel dafür ist der bereits erwähnte Chinook-Wind. Auch der Ausdruck „skookum”, der soviel wie „stark” oder „mutig” bedeutet, wird dir im Gespräch mit einem Einheimischen vielleicht begegnen. Weitere Worte, die aus der Sprache der Inuit stammen und inzwischen sogar auf der ganzen Welt geläufig sind, sind „husky”, „kayak” oder auch „anorak” als Begriff für einen warmen Mantel.


Moderner Slang

Neben den historischen und den klimatischen Einflüssen auf das kanadische Englisch gibt es natürlich auch moderne Entwicklungen, die sich in der Sprache widerspiegeln. Im zentralen Kanada ähnelt die Ausdrucksweise der Menschen der ihrer Nachbarn im Süden. So sprechen sie beispielsweise von „clicks” statt von Kilometern oder bezeichnen die Lage von zwei Dingen als „kitty-corner”, wenn sie sich an diagonal gegenüberliegenden Ecken befinden. Ein anderer typischer Ausdruck ist „takitish”, eine Slangform von „take it easy”.


„Viele unserer umgangssprachlichen Redewendungen kommen aus dem Hockey”, erklärt Vanessa aus Toronto. „Wie zum Beispiel ‚rinkrat’ als Bezeichnung für jemanden, der viel Zeit in der Eishalle (hockey rink) verbringt, oder ‚deke’ als Ausdruck dafür, dass man vorgibt, eine Sache zu tun, aber in Wirklichkeit etwas anderes macht. Das ist auch etwas, das man häufig beim Hockey sieht, wenn ein Spieler seinen Gegner in die Irre führt.”


Natürlich hat auch die französische Sprache Spuren im kanadischen Englisch hinterlassen. Ein Beispiel dafür ist das Wort „toque”, das nicht nur im französischsprachigen Teil Kanadas eine Beanie- oder Wintermütze bezeichnet. Auch „poutine” ist ein im Englischen geläufiger Begriff. Hierbei handelt es sich um ein Fast-Food-Gericht aus Pommes Frites, Bratensauce und Käsestücken, das du bei einem Besuch in Kanada auf jeden Fall probieren solltest.

Montreal

Typisch kanadische Ausdrücke und Redewendungen spiegeln also die verschiedensten Elemente der kanadischen Kultur wieder. Die bunte und vielseitige Sprachgeschichte wurde vor allem von Neuankömmlingen verschiedenster Nationen sowie vom Erbe der indigenen Einwohner geprägt. Auch das extreme Klima und die dramatischen Landschaften Kanadas haben zur Entwicklung vieler aussergewöhnlicher Begriffe geführt, während sich im modernen Slang häufig Ausdrücke aus dem kanadischen Nationalsport Eishockey wiederfinden.


Um also so richtig in die kanadische Kultur einzutauchen, solltest du bei einem Trip in den „Great White North” auf jeden Fall mit den Canucks plaudern, Poutine essen, dich bei einem Hockeyspiel mit ein paar Rinkrats anfreunden und einen Double-Double schlürfen. Eh?

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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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