9 Jan 2018

Die 11 Sprachen Südafrikas

Sprachdschungel

Dank seiner Lage an der südlichen Spitze des afrikanischen Kontinents war Südafrika bereits im 16. Jahrhundert ein wichtiger Zwischenstopp für die europäischen Pioniere, die die sieben Weltmeere kartierten. Siedler von verschiedenen Kontinenten fanden im Laufe der Zeit in dieser Gegend eine Heimat, aber auch Afrikaner zog es vom zentralen Teil des Kontinents nach Süden. Heute ist das Land daher eine wahre „Regenbogennation“ mit einer bunten, multiethnischen Gesellschaft. Der ehemalige Erzbischof Desmond Tutu wählte den Spitznamen „Regenbogennation”, um damit die Vielfalt der südafrikanischen Bevölkerung zu beschreiben, und auch Nelson Mandela nutzte den Ausdruck, um den friedlichen Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu fördern.

Vielfalt

Wo eine Vielfalt von Menschen lebt, ist in der Regel auch eine Fülle an Sprachen zu finden. Neben dem Englischen, welches die vorherrschende Sprache in Handel, Medien und Politik ist und auch von den meisten Menschen gesprochen wird, gibt es in Südafrika nicht weniger als 10 weitere offizielle Landessprachen. Tatsächlich bezeichnen nur 9,6% der mehr als 50 Millionen Einwohner Englisch als ihre Muttersprache. Die meisten Südafrikaner sind mindestens zweisprachig, viele von ihnen sind sogar in der Lage, drei oder mehr der elf Landessprachen zu sprechen.


Südafrika

Die 11 Sprachen

Die 11 Sprachen Südafrikas, in der Reihenfolge ihrer Verbreitung, sind: Zulu, Xhosa, Afrikaans, Englisch, Nord-Sotho, Tswana, Sotho, Tsonga, Swati, Venda und Ndebele. Die einzelnen Sprachen gehören verschiedenen linguistischen Familien wie den Nguni- und Sotho-Sprachen an und überschneiden sich hinsichtlich ihrer geografischen Verteilung. Aufgrund der Ähnlichkeit in Grammatik und Wortschatz sind viele Südafrikaner in der Lage, andere Sprachen der gleichen linguistischen Familie zu verstehen. Die Sprachen sind jedoch keineswegs austauschbar und werden von der südafrikanischen Verfassung und den Sprachinstituten, die den Erhalt der Sprachenvielfalt in Südafrika regeln, als eigenständig anerkannt. Am weitesten verbreitet sind zwei der vier offiziellen Nguni-Sprachen des Landes: Zulu wird von den meisten Menschen verstanden und ist laut einer Volkszählung von 2011 die Muttersprache von 23% der Bevölkerung. Die zweithäufigste Sprache Südafrikas ist Xhosa, welches schon lange vor dem 16. Jahrhundert von Menschen an der Südostküste Afrikas gesprochen wurde. Ungefähr 16% der südafrikanischen Bevölkerung verwenden Xhosa mit seinen verschiedenen regionalen Dialekten als erste Sprache.


Die ethnische Gruppe Zulu in Südafrika

Was ist mit Afrikaans?

Afrikaans ist die am dritthäufigsten gesprochene Sprache in Südafrika und für das Land absolut einzigartig. Es entwickelte sich in Folge der Gründung von Kapstadt im Jahr 1652 und der anschliessenden Besiedlung der umliegenden Gebiete durch die Niederländer. Mehr als 90% des Vokabulars stammen aus dem Niederländischen, obwohl einige Begriffe unter anderem auch aus dem Malaiischen, dem Portugiesischen und der lokalen Khoisan-Sprache entlehnt wurden. Trotz der europäischen Wurzeln von Afrikaans ist die Mehrheit der Sprecher heute nicht europäischer Abstammung.

Die Sprachen während der Apartheid

Dass in einem Land eine Vielzahl an Sprachen nebeneinander existiert, ist nicht ungewöhnlich, erklärt Kobus Marais, Dozent für Sprachmanagement und Sprachpraxis an der Universität des Freistaates im südafrikanischen Bloemfontein. „Vor der Entstehung des Nationalstaates gab es auch in Europa viele weitere Sprachen, die zugunsten der nationalen Einheit unterdrückt wurden. Beispielsweise […] gibt es verschiedene Versionen von Deutsch, die heute als Dialekte gelten, aber früher Sprachen waren. Die ironische Definition einer Sprache ist, dass es sich um einen Dialekt mit einer Armee handelt.“


Vor dem Umbruch in Südafrika im Jahr 1994 taten die Machthaber, was sie nur konnten, um eine Vorherrschaft von Afrikaans und Englisch zu erzwingen, beispielsweise durch die gesetzliche Kontrolle der Schulbildung. Mit dem Ende der Apartheid siegte jedoch die Akzeptanz der ethnischen und sprachlichen Vielfalt, der heute auch die Verfassung und Gesetzgebung des Landes zugrunde liegen. Aber warum haben all diese Sprachen trotz der aktiven Bemühungen des vorherigen Regimes überhaupt überlebt? Marais nennt dafür mehrere Gründe: „Erstens ist es eine Tatsache, dass Sprachen überleben, wenn sie nicht aktiv getötet werden“, erklärt Marais. „Zweitens trugen Missionare zum Überleben der südafrikanischen Sprachen bei, indem sie die Bibel schriftlich in diese Sprachen übersetzten. Einige Sprachwissenschaftler glauben sogar, dass gar nicht alles, was heute als Sprache gilt, vor Ankunft der Missionare tatsächlich eine eigenständige Sprache war. Drittens spielte auch die Apartheid in dieser Hinsicht eine grosse Rolle. Durch den Fokus auf die Unterschiede und die Umsiedlung von Dunkelhäutigen in die sogenannten ‚Homelands‘, wurden die Menschen gezwungen, sich durch bestimmte Sprachen und Sprachgruppen zu identifizieren. Ich würde sagen, dass die ‚normale‘ Gruppenidentität tatsächlich durch die Apartheid gestärkt wurde.“


Südafrikanerinnen in traditionellen Gewändern

Südafrika heute

Heute stellen die zahlreichen Sprachen in Südafrika zugleich grosse Vorteile und eine einzigartige Herausforderung dar. „Positiv ist, dass so das Bestehen einer Vielzahl von Ansichten und Weltanschauungen gefördert wird; auch haben die Menschen die Möglichkeit, Sprache und Identität miteinander zu verbinden. Die Fülle an Sprachen kann helfen, eine komplexe Gesellschaft aufzubauen, in der sowohl Vielfalt als auch Einheit respektiert werden, und dabei, eine hybride Gesellschaftsform zu schaffen, die kulturell reicher ist als ‚reine Gesellschaften‘“, sagt Marais. „Andererseits verursacht die Sprachvielfalt jedoch Kommunikationsprobleme, macht öffentliche Kommunikation teurer und könnte politisch spaltend sein.“


Können wir denn erwarten, dass alle 11 Sprachen Südafrikas – auch solche, die nur von einem Bruchteil der Bevölkerung aktiv gesprochen werden – in der Zukunft überleben können? Dies ist laut Marais nur schwer vorherzusagen. „Sprachtod und Sprachwachstum sind sehr komplexe Prozesse, die mit extrem komplexen Faktoren in der Sprachökologie zusammenhängen. Wenn die Regierung keine rechtlichen und politischen Massnahmen zur Förderung der Mehrsprachigkeit einführt, werden einige Sprachen künftig vielleicht nur noch in mündlicher Form verwendet, höchstwahrscheinlich diejenigen mit den wenigsten Sprechern. Es kann sogar sein, dass wir in den nächsten zwei bis fünf Jahrhunderten eine gemeinsame Sprache entwickeln. Es wird weitgehend von dem Druck von Sprechern dieser Sprachen abhängen sowie von den Menschen, die bereit sind, Geld in ihre Entwicklung zu stecken.“


Mehrere südafrikanische Institutionen befassen sich mit dem Überleben und der Entwicklung aller 11 Sprachen. So hat das Department of Basic Education, welches für die Primar- und Sekundarbildung verantwortlich ist,  laut Marais verfügt, dass alle Pädagogen Unterricht in mindestens einer afrikanischen Sprache anbieten sollten. Nationale und regionale Regierungen arbeiten an Sprachgesetzen und Unternehmen sowie die Medien werden zunehmend sensibler für die Vielsprachigkeit ihrer Kunden. Auch eine Reihe von NGOs arbeitet daran, die Übersetzung von Texten in alle 11 Landessprachen zu erleichtern und deren Erhalt sicherzustellen.


Südafrika ist ein grossartiges Beispiel für die Macht der Vielfältigkeit. Obwohl die Ursprünge dieser Vielfalt nicht aussergewöhnlich sind, machen die ständige Weiterentwicklung und die Anerkennung dieser Reichhaltigkeit Südafrika zu etwas Besonderem, nämlich – um es mit den Worten Nelson Mandelas zu sagen – zu „einer Regenbogennation im Frieden mit sich selbst und der Welt“.


Tafelberg

 

Die 7 weiteren  Sprachen

Die anderen sieben Sprachen Südafrikas werden in geringerem Masse gesprochen, sind aber für die lokale Kultur nicht weniger wichtig:

Tswana: ist die Muttersprache von 8% der Bevölkerung und die erste südafrikanische Sprache, die in Schriftform übersetzt wurde.

Nord-Sotho: wird von 9,1% der Südafrikaner gesprochen und hat mehr als 30 Dialekte.

Sotho: gehört mit Nord-Sotho und Tswana zu den Sotho-Sprachen und ist die Muttersprache von 7,6% der Bevölkerung des Landes.

Tsonga: ist die Sprache der vermutlich letzten afrikanischen Gruppe, die sich im Gebiet des heutigen Südafrika ansiedelte und wird von 4,5% der südafrikanischen Bevölkerung gesprochen.

Swati: ist die Amtssprache des Königreichs Swasiland. In Südafrika sprechen es 2,5% der Einwohner.

Venda: ist die Muttersprache von 2,4% der Südafrikaner. Kulturell stehen sie der Shona aus Simbabwe näher als jeder anderen südafrikanischen Gruppe.

Ndebele: zählt wie Zulu, Xhosa und Swati zu den Nguni-Sprachen und ist die Muttersprache von 2% der Bevölkerung.


Autor: TeaTime-Mag

Aus dem Englischen übersetzt von: Franka Leehr

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