21 Mar 2017

Auslandssemester in Kolumbien

Karriere Weltweit

„Ist das nicht gefährlich?“ – noch nie habe ich diesen Satz öfter gehört, als vor meinem Auslandssemester in Kolumbien. Das Land im Norden Südamerikas, ist umgeben von Ecuador, Peru, Brasilien und Venezuela und bildet die Verbindung zwischen Süd- und Mittelamerika durch die Grenze zu Panama. In den westlichen Ländern verbindet man Kolumbien hauptsächlich mit Drogenbaronen, wie ganz aktuell durch die Netflix-Serie „Narcos“, ebenso mit Entführungen durch radikale Extremistengruppen und Armut. Vergessen wird dabei oft, dass das Land viel mehr zu bieten hat als seine triste Vergangenheit und sich auch die Sicherheitslage in den letzten Jahren extrem verbessert hat.


Mich persönlich hat das Land schon lange gereizt, da ich sowieso ein grosser Südamerika-Fan bin und mir immer sehr von Kolumbien vorgeschwärmt wurde. Im dritten Semester meines Masterstudiums bekamen wir die Möglichkeit, ein Semester im Ausland zu verbringen. Warum ich mich genau für Kolumbien entschieden habe, kann ich heute gar nicht mehr so genau sagen. Ein Auslandssemester ist auch immer viel Arbeit, man muss unzählige Formulare ausfüllen, Impfungen machen und viele weitere Vorbereitungen treffen. Erleichtert war ich erstmal, als ich die endgültige Bestätigung meiner Universität hatte, denn so war wenigstens die ganze Arbeit vorab nicht umsonst gewesen. Kolumbien also? Ja, nun stand es fest und immer wieder kamen auch die Zweifel. Viel schlimmer als meine eigenen waren aber die in meiner Umgebung. Von „du wirst sicher entführt“ über „da koksen doch alle“ war alles dabei, aber zum Glück gab es auch positive Kommentare, die mich ermunterten. Ich kann euch zudem beruhigen. Keine der düsteren Vorhersagen traf ein; ausser, dass mein Handy und etwas Geld gestohlen wurden, ist nichts passiert. Nach all den Vorbereitungen ging es schon los und gemeinsam mit zwei Studienkollegen befand ich mich auf dem Weg nach Bogota. Dort wurden wir abgeholt und waren erst mal ziemlich schockiert – Bogota war schmutzig, unheimlich und gefährlich, so zumindest unser erster Eindruck.

Bogotá Aussicht auf die Stadt

Uni-Leben

Bei Tag sah aber alles schon viel besser aus und wir besuchten die Universität. Wir wurden sehr herzlich empfangen, das ist auch etwas, das die Kolumbianer auszeichnet. Der Grossteil ist sehr freundlich, bemüht und möchte, dass Gäste einen guten Eindruck von ihrem Land mitnehmen. Der Uni-Alltag unterschied sich in einigen Punkten doch sehr von dem, was ich aus Österreich gewohnt war. Zum einen muss man natürlich erwähnen, dass die meisten guten Universitäten in Kolumbien privat zu bezahlen sind, auch diejenige, die wir besuchten, gehört dazu und ist noch dazu eine der teuersten (wir mussten zum Glück nichts bezahlen). Dadurch sind aber natürlich  auch die Ansprüche der Studenten an die Universität ganz andere. Unsere Uni hatte eine eigene Arztpraxis, inklusive Zahnarzt, einen Zubringerbus, ein Fitnessstudio, einen Bankautomaten, Hängematten, einige Cafeterias und Cafés, und es gab zahlreiche Aktivitäten zur Auswahl wie Yoga, Fussball, Volleyball, Schach, Tanzen und vieles mehr. Und davon war alles GRATIS! Das konnten wir am Anfang gar nicht glauben, da wir es von unserer Uni zuhause nicht so kannten, aber tatsächlich musste man keinen Cent (in dem Fall Peso) bezahlen. Auch bei den Vortragenden wurde sehr auf die Qualität geachtet, die Studenten möchten für ihr Geld auch gute Vorlesungen. An sich ist der Unterricht ähnlich wie zuhause, es wird viel auf Mitarbeit geachtet und es gibt häufig  Präsentationen und Gruppenarbeiten. Es hätte hier aber zum Beispiel nie ein Student freiwillig gefehlt, immerhin bezahlen sie dafür. 

Universidad Externado.jpg

Wir waren Teil des berufsbegleitenden MBA-Programmes, das noch einige Unterschiede zu den Vollzeit-Programmen aufwies. Wir hatten Donnerstag, Freitag und Samstag Unterricht und die Vortragenden basierten ihre Evaluierungen hauptsächlich auf Gruppenarbeiten und Mitarbeit. Am Samstag begann der Unterricht schon um 7 Uhr morgens, was für uns eine komplett neue Erfahrung war. Fast alle unserer Studienkollegen arbeiteten Vollzeit und hatten auch grossteils schon Familien, weshalb wir kaum Prüfungen hatten. Alle Kurse waren auf Spanisch, aber da ich bereits Spanisch sprach und die Inhalte nicht viel Neues für mich beinhalteten, konnte ich recht leicht allem folgen und die Vorlesungen stellten kein Problem dar. Zudem waren sowohl die Vortragenden als auch unsere Studienkollegen immer sehr bemüht und fragten regelmässig nach, ob wir alles verstanden haben und ob wir Hilfe bräuchten. Vor allem durch die Gruppenarbeiten lernten wir auch viel über die Kultur. In regelmässigen Abständen überforderten wir unsere Studienkollegen mit unserer Direktheit und umgekehrt waren wir von der “Schwammigkeit“ der Aussagen und Fragen oft genervt. In Österreich beginnen die wenigsten Studenten ihre Fragen mit fünfminütigen Intros und unzähligen Entschuldigungen, weshalb sie den Professor stören – hier jedoch gang und gäbe. Auch bei der Einteilung von Gruppenarbeit gestaltete es sich öfters schwierig für uns, da nicht Punkt für Punkt eingeteilt, sondern sehr lange „um den heissen Brei herum geredet“ wurde, wie man bei uns so schön sagt. Diese kleinen Unterschiede sind gar nicht so leicht zu akzeptieren, da jeder von seiner Kultur so geprägt ist. Mit ein bisschen Anstrengung und Entgegenkommen lassen sich aber  auch diese überwinden und man muss ja nicht immer alles an der anderen Kultur mögen.

Kultur

Zur Kultur muss man generell sagen, dass Kolumbianer sehr hilfsbereit, freundlich und zuvorkommend sind. Dies kommt einem natürlich als Ausländer oft entgegen, da einem immer jemand hilft, wenn man sich nicht auskennt. Ich habe die Kolumbianer zudem als überraschend pünktlich und verlässlich erlebt, soweit man in einer Stadt wie Bogotá pünktlich sein kann. Sie lieben es zu tanzen und man hört fast immer und überall Musik, wo auch schon mal jemand lautstark mitsingt. Kolumbianer sind an sich sehr stolz auf ihr Land und präsentieren es auch gerne. Jeder zweite Taxifahrer spricht stolz vom Essen und fragt nach, was einem denn am besten schmeckt. Auch von der landschaftlichen Vielfalt wird - zu Recht - viel gesprochen. Auch wenn sie sich nicht immer einig sind über viele Dinge, wissen doch alle Kolumbianer, dass sie in einem wunderschönen Land mit vielen Reichtümern und Schätzen leben.

Reisen

Neben dem Studieren versuchte ich auch so viel wie möglich vom Land zu sehen. So besuchte ich unter anderem den karibischen Norden, Medellin, die Kaffeeregion sowie Cali und Umgebung. Kolumbien ist ein wunderschönes Land mit unglaublich vielen Facetten, was das Reisen unglaublich toll macht. Man konnte auch gut die Kulturunterschiede innerhalb des Landes beobachten und unterschiedliche Akzente wahrnehmen. Während das Spanisch in Bogota wohl eines der klarsten und schönsten ist, konnten wir die „Costeños“, also Küstenbewohner, kaum verstehen. Es war auch interessant, die Stimmung während der Verhandlungen zum Friedensprozess und der Abstimmung wahrzunehmen. Man merkt hier einfach, wie stark alles im Wandel ist und wie sich alles verändert. Das Land hat so viel zu bieten und es gehört reisetechnisch auf jeden Fall zu meinen Lieblingsländern.

Cartagena

Egal, ob man zum Reisen oder einen längeren Auslandsaufenthalt in Kolumbien machte, man sollte sich definitiv genug Zeit zum Reisen nehmen. Zum einen gibt es tolle Städte wie Medellin und Cartagena, aber auch Bogota ist sehenswert. Bogota wirkt auf den zweiten Blick schon viel besser, sehenswert sind vor allem die zahlreichen ausgezeichneten Museen und der Hausberg Monserrate. Zudem gibt es ausgezeichnete Restaurants, wo man unbedingt einmal vorbeischauen sollte. Zum anderen sollte man auf jeden Fall ein paar Tage für den Karibikstrand einplanen, wie im „Parque Tayrona“. Dort sollte man unbedingt auch in einer Hängematte schlafen und einfach nur entspannen. Wer viel Puste hat und Lust auf Abenteuer, sollte die Wanderung zur verlorenen Stadt machen: In vier Tagen kann man sich auspowern, viel Natur geniessen und etwas von  der Kultur der „Wayuu“ mitbekommen. Beim Besuch in der Kaffeeregion kann man bei einer Wanderung Wachspalmen bestaunen und eine Kaffeeproduktion miterleben. In Cali kann man ausgelassen Salsa tanzen und danach weiter zu erstaunlichen Ausgrabungen nach San Agustin reisen und weisse Kolonialstädte bewundern. Und nicht zu vergessen ist eine Reise nach Leticia ins Amazonasgebiet, um ein paar Tage seltene Tiere zu beobachten und die Natur zu erleben. Wie ihr seht, gibt es einiges zu sehen und zu erleben und das sind nur die grössten Highlights! Kolumbien ist zudem ein relativ billiges Reiseland, Inlandsflüge kann man für etwa 30€ pro Strecke bekommen, gute Hostels für unter 10€ die Nacht und mit Frühstück, und ein Mittagsmenü für circa 3€. Auch Eintritte, sofern es welche gibt, sind günstig, als auch Transportmittel wie Bus oder Taxi.

Kolumbien Strand

Sicherheit

Trotz des Friedensvertrages und steigender Sicherheit, sollte man einige Dinge beachten und immer aufmerksam sein! Zu den wichtigsten Tipps gehören, dass man Taxis nur über eine App oder ein Telefon ruft, das Handy am besten nicht auf der Strasse herausnimmt, nicht  alleine nachts herumläuft und nicht die Handtasche neben sich abstellt. Kolumbien ist bei Weitem nicht so sicher wie Europa und man sollte immer besonders achtsam sein. Zumindest ein wenig Spanisch zu sprechen ist auch sehr hilfreich, da die meisten Kolumbianer kein Englisch können und man so auch weniger über den Tisch gezogen wird. Uns „gringos“ verrechnen sie sowieso gerne mehr, auch hier zahlt es  sich aus, ein Auge darauf zu haben. Wenn man einen gesunden Menschenverstand hat und sich vorsichtig verhält, kann man in Kolumbien aber gut „überleben“. Wenn man kein teures Handy mit hat, kaum Schmuck trägt und nicht wie ein „klassischer Tourist“ herumläuft, ergeben sich viele unangenehme Situationen erst gar nicht.

Essen

Die Auswahl an Obst und Gemüse in Kolumbien ist überwältigend! Am besten jeden Tag einen anderen frisch gepressten Saft probieren und dabei ruhig auch Mut haben! Guabana (Stachelannone) schmeckt gut als Milchshake, Lulo hat im Geschmack etwas Ähnlichkeit mit Maracuja und Guayaba kann man sogar mit Schale essen. Im „Parque Tayrona“ fallen einem die Kokosnüsse fast auf den Kopf und Avocados schmecken einfach immer gut. Auch Kochbananen schmecken toll, entweder als „Patacones“ oder auch als Chips-Ersatz, entweder süss oder salzig. Lecker! In Kolumbien kann man sehr günstig essen gehen, vor allem die Mittagsmenüs sind sehr umfangreich, aber auch wenn man gehobenere Küche sucht, wird man fündig. Unbedingt sollte man auch einen Abend  im „Andres Carne de Res“ in Bogota verbringen, der Restaurantbesuch ist ein wahrliches Erlebnis.

Exotische Früchte

Ungewohntes

Wie überall auf der Welt gibt es Unterschiede in dem, was als normal gesehen wird. So haben in Kolumbien viele Geschäfte auch sonntags offen und man kann sich vom Supermarkt 24 Stunden etwas nachhause bestellen. In  unserer Wohnung hatten wir eine Dame, die das Haus „bewacht“ hat und zudem war in unserer Miete auch ein wöchentlicher Wohnungsputz inkludiert. Gerade in einer Wohngemeinschaft ist das immer recht praktisch, da das subjektive Sauberkeitsgefühl oft sehr unterschiedlich ausfällt. Mich hat während der Zeit leider immer der vorherrschende “Machismo” und der dazu passende Schönheitswahn gestört. Vor allem in Medellin hatte man das Gefühl, dass jede Frau operiert ist. Auch das Umweltbewusstsein ist ein anderes, so wird der Müll schnell mal aus dem Auto geworfen und generell wird für alles sehr viel Plastik verwendet.


Alles in allem würde ich jedem empfehlen, Kolumbien zu besuchen – egal, ob  zum Reisen, für einen Sprachaufenthalt oder ein Auslandssemester. Durch das Leben vor Ort  konnte ich aber viel tiefergehende Einblicke in Land und Kultur erhalten, als ich das je beim Reisen könnte. Man lernt dabei auch sehr viel über sich selbst und wie stark man in seiner eigenen Kultur verwurzelt ist. Angst sollte man auf jeden Fall nicht haben, wenn man achtsam ist, steht einer wunderschönen Zeit in Kolumbien nichts mehr im Weg!


Dieser Artikel wurde rund um das Thema “Praktika & Arbeiten im Ausland” durch Stellenonline prämiert.

Stellenonline Auszeichnung







Autor

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Caroline Philippi

Reisen, Sprachen und Wörter waren einfach schon immer meine Leidenschaft. Das alleine hat mir aber oft nicht genügt, denn ich wollte das Land und die Kultur richtig kennenlernen – so habe ich bereits die Schule in Chile und die Universität in Spanien und Kolumbien besucht. Nun zieht es mich zurück in meine Heimat Österreich, um meinen Masterabschluss zu machen und Europa zu entdecken.

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