5 Sep 2017

Volunteering in Chiapas - eine unvergessliche Erfahrung

Erfahrungsberichte

Glaubst du, dass ein Freiwilligendienst im Ausland dein Leben total verändern kann? Zweifellos ist das eine komplexe und interessante Frage. Was erhoffen sich junge Menschen von der Erfahrung, für eine Weile in einem Land zu leben und zu arbeiten, welches sie vorher nicht kennen? Für manche ist es sicher nicht leicht, viele Tausend Kilometer von der eigenen Heimat entfernt zu sein, an einem Ort, dessen Sprache nicht die eigene ist und in dem Bedingungen herrschen, die sie von zu Hause nicht kennen. Überraschungen und die eine oder andere Schwierigkeit sind vorprogrammiert – aber auch positive Erfahrungen, die man ansonsten vielleicht nie machen würde.


In San Cristóbal de Las Casas in Chiapas gibt es viele Organisationen, die verschiedene Programme zur Unterstützung der Bevölkerung anbieten. Bei ihren Projekten im Gesundheitswesen, in der Umwelterziehung oder im Bereich der Menschen- und Frauenrechte zählen diese Organisationen ebenso auf die Hilfe Freiwilliger wie bei der Durchführung von Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche oder der Kooperation mit kleinen Betrieben der Kaffeeproduktion. Vor allem, wenn die Freiwilligen in ländlichen Gebieten arbeiten, lernen sie hautnah die Lebensbedingungen, die Bedürfnisse und auch die Interessen der Menschen kennen, mit denen sie zusammenarbeiten.


Drei dieser Freiwilligen aus San Cristóbal sind Carolin aus Österreich, Raoul aus Deutschland und Céline aus Frankreich, die ihre Erfahrungen hier mit uns teilen.


Auslandsjahr in Mexiko

Motivationen

Für Céline fing alles damit an, dass sie Lateinamerika kennenlernen wollte. Ihre ursprüngliche Idee, nach Kuba zu gehen, verwarf sie, als es sich als zu kompliziert herausstellte. Nach einer gründlichen Internetrecherche landete sie stattdessen in Mexiko. „Was mich besonders dazu motiviert hat, hier einen Freiwilligendienst zu absolvieren, war der Wunsch, Spanisch zu lernen und in einer Organisation mit Kindern zu arbeiten“, erzählt sie.

Anders war es im Fall von Raoul: „Ich hatte von der Kunst in Mexiko und  insbesondere von Frida Kahlo und Diego Rivera gehört und gelesen. Ausserdem interessierte mich die Geschichte der Zapatistas und der mexikanischen Revolution. Das reichte für meine Entscheidung. Ich wollte unbedingt nach Mexiko gehen und habe daran nie gezweifelt.“


“Ich wusste nicht, was ich nach der Schule studieren sollte“, erklärt hingegen Carolin. „Ich kannte zwar die Universitäten und ihre Angebote, wusste aber nicht, wo mein Hauptinteresse lag. Einige Freundinnen von mir hatten Freiwilligendienste in Afrika absolviert und das schien mir eine gute Idee. Als ich mit meinen Eltern darüber sprach, erklärten sie mich für verrückt. Da ich schon ein kleines bisschen Spanisch sprach, dachte ich erst an Peru oder Chile. Dann erfuhr ich von einer Organisation in Chiapas. Ich schrieb sie an, traf eine Vereinbarung und flog im August nach Mexiko.“

San Cristóbal de las Casas, Mexiko

Eindrücke und Schwierigkeiten

Zu den ersten ungewöhnlichen Dingen, die ihr in Mexiko begegneten, zählen für Céline die Autobusse. „In Europa haben Busse keine Schnauze vorne. Das schien mir sehr befremdlich. Ich fühlte mich wie in einem Film.“

Auch Carolin sah sich schnell mit ungewohnten Situationen konfrontiert, als sie an ihrem ersten Tag in Mexiko auf den Markt ging. „Noch nie in meinem Leben hatte ich so einen Markt gesehen. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas existierte… ich ging rein und Musik ertönte und Menschen kamen mit Hähnchen in den Händen auf mich zu und fragten: "Möchtest du ein Hähnchen kaufen?”

Raoul erinnert sich an seine Ankunft am Flughafen im DF: „Ich hatte den Eindruck, dass Mexiko Stadt einfach endlos ist. Das war beeindruckend. In San Cristóbal beeindruckte mich vor allem der Regen. In der ersten Nacht war er besonders stark und ich wurde total nass.”

Auch auf die Frage nach ihren grössten Schwierigkeiten und Kulturschocks, geben alle drei eine unterschiedliche Antwort. Für Céline war es die Sprache, die sie als schrecklich kompliziert empfand. Ihr Spanisch war zu Beginn noch nicht sehr gut und viele Menschen redeten zu schnell für sie.“Mich störte zu Beginn die Aufdringlichkeit der Leute, sowohl was die körperliche Nähe als auch den Umgang betrifft. Wenn du andere begrüsst oder dich verabschiedet hast, haben sie dich geküsst und umarmt, selbst wenn sie dich nicht einmal kannten. Aber dann habe ich gelernt, dass dies ein Teil der Kultur der Menschen ist. Sie behandeln dich wie ihre Familien, auch wenn du nicht viel über sie weisst“, fügt Carolin hinzu. Für Raoul war eines der größten kulturellen Probleme die Konfrontation mit seinen eigenen Privilegien. „Ich lebte vorher in einer ganz anderen, privilegierten Realität. Ich konnte mich ganz selbstverständlich  und problemlos auf der ganzen Welt bewegen. Diese Situationen sind ungerecht.“

Markt in Chiapas

Die schönsten Augenblicke

Die schönsten Erlebnisse während ihres Aufenthaltes in Chiapas hatten alle drei bei ihrer Arbeit: „Als wir mit den Kindern im Garten waren, haben wir Zwiebeln, Bohnen und Koriander gepflanzt und das hat ihnen sehr gefallen. Sie haben sehr gut und sehr hart gearbeitet“, berichtet Carolin. „Nach der Ernte haben wir zusammen gegessen, aber zuvor haben wir uns in einen Kreis gesetzt und der Natur für ihre Erträge gedankt, die uns gesund und stark machen.“


„Eine der schönsten Erfahrungen, die ich mit den Kindern gemacht habe, war als wir den Garten in Ordnung gebracht und dabei Metal gehört haben“, erzählt Raoul. „Ich erinnere mich, dass ein kleiner Junge sehr viel gestritten hat, aber dann seine ganze Energie darein gesteckt hat, den Boden zu bearbeiten – so sehr, dass er sich nach der Arbeit total beruhigte.“

Céline hingegen half bei einem Projekt zur Unterstützung von Kindern, die auf der Strasse arbeiten. Ihnen und ihren Familien soll das Programm ermöglichen, ihre Produkte in anderen Ländern zu verkaufen. „Sie waren sehr reif für ihr Alter und hatten sehr genaue Vorstellungen von ihrer Situation, ihrer Arbeit und ihrem Leben. Dabei waren es Kinder von nur 10 bis 14 Jahren.“


Die Erfahrungen während ihres Engagements in Chiapas hat das Leben der drei jungen Menschen tatsächlich verändert: Sie haben die Sprache gelernt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und eine andere Kultur kennengelernt. „Ich hatte das Gefühl, auch mich selbst besser kennenzulernen“, erklärt Carolin. „Vorher hatte ich nie Erfahrungen gemacht oder mich in Situationen wiedergefunden, in denen ich an die Grenzen meiner Toleranz gekommen war. [Bei so einem Auslandsaufenthalt] ist alles neu und du kennst nichts. Du weißt nicht, wie die Menschen sind. Aber du bist dort und kannst nicht davonlaufen. Du musst dich der Situation stellen.“

Tatsächlich fühlten sich einige von ihnen den Menschen und dem Ort so verbunden, dass es ihnen schwer fiel, in ihr Heimatland zurückzukehren. Dort angekommen vermissten sie vor allem die Kinder und die Freundschaften, die sie in Chiapas geschlossen hatten. „Ich vermisse die Kleinen, die Menschen, mit denen ich gearbeitet und die ich dort kennengelernt habe, den Wald, die Spaziergänge, das Theater und die Stadt. Es war wirklich unglaublich. Ich vermisse es sehr, dort zu sein“, sagt Céline.


Auch Raoul fand die Rückkehr in seine Heimat schwierig. “Mir fehlen die Fröhlichkeit und der Kontakt mit den Menschen sehr. Hier in Deutschland sind viele sehr introvertiert und ernst und lachen nicht so viel. […] Inzwischen habe ich das aber akzeptiert und meinen Platz gefunden.“


Es ist also kein Wunder, dass Raoul bereits ein zweites Mal nach Lateinamerika gereist ist. Céline möchte während ihres Urlaubs nach Mexiko zurückkehren und auch Carolin hat schon die nächste Reise nach Chiapas geplant.

Maya

Ein paar Daten

  • Die Zeit vor oder nach dem Studium ist für viele junge Menschen der ideale Zeitpunkt für ein freiwilliges Engagement im Ausland.

  • Bei den kombinierten Sprachkursen und Freiwilligendiensten von Yalea können Teilnehmer in Ecuador, Kolumbien, Chile, Costa Rica und Peru ihr Spanisch verbessern und gleichzeitig das jeweilige Land und die Lebensbedingungen der Menschen kennenlernen.  

  • Ähnliche Programme für Englisch und Portugiesisch werden in Kanada und Australien sowie in Brasilien angeboten.

Autor

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Franka Leehr

Ich bin Sprachaholic, Globetrotter und Hobbyphotographin und liebe es, durch fremde Länder zu streifen und das Leben in anderen Kulturen kennenzulernen. Nach mehreren Jahren des Nomadendaseins auf dem europäischen Festland und den Britischen Inseln erkunde ich zurzeit meine deutsche Heimat mit neuen Augen.

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