20 Jun 2018

Unterkunftswahl bei Sprachreisen - Gastfamilie vs. Residenz

Erfahrungsberichte

Ob während eines Sprachaufenthaltes oder einfach auf Reisen - die Wahl einer Unterkunft gehört bei einem Auslandsbesuch meist zu den schwierigeren Entscheidungen, welche getroffen werden müssen. Aber dieses Thema beschäftigt nicht nur mich. Vor kurzem wurden in einer erst kürzlich ausgestrahlten Konsumenten-Sendung zahlreiche Horror-Fälle mit Unterkünften bei Sprachaufenthalten angesprochen, und auch in den Kommentaren einiger Communities erzählen Leute von ihren erlebten Stories.

Gerade deshalb habe ich mich dazu entschlossen, dieses Thema nun als Blogartikel aufzugreifen und von meinen persönlichen Erfahrungen zu berichten.

Meine erste Gastfamilie – besser als ein Lottogewinn

Als ich 2003 im Alter von 22 Jahren einen 3-monatigen Sprachaufenthalt in Los Angeles machte, wurde ich in Gingers Haus untergebracht. Ok gut, anfangs war ich etwas schüchtern und auch ein wenig überrascht, hatte ich doch mit einer Gastfamilie und nicht mit einer alleinstehenden etwa 60-jährigen “Host”-Mutter gerechnet. Zu den ersten Dingen, die sie mir erklärte, gehörte, dass sie viel lieber backen als kochen würde und der Kühlschrank deshalb zur Selbstbedienung gedacht wäre. Als gelernter Koch hatte ich damit aber überhaupt kein Problem, weil ich dann auch selbst am Herd stehen durfte. Ginger war übrigens als Cookie-Bäckerin in der Sprachschule sehr bekannt und nicht selten musste ich welche für die Lehrer und meine Klassenkameraden mitbringen.

Auch hatten mich die 35 Minuten Busfahrtzeit zur Schule nie gestört und wie ich später erfahren habe, sind in Los Angeles bis zu 2 Stunden Arbeits- oder Schulweg keine Seltenheit.

Cookie Factory

Während meines Sprachaufenthaltes hatte sich nicht nur mit einigen Klassenkameraden eine gute Freundschaft entwickelt, sondern auch Ginger hatte mich gleich wieder für einen nächsten Besuch eingeladen. Ich hatte sie durch unsere langen Konversationen so stark ins Herz geschlossen, dass ich in den folgenden zehn Jahren fast jedes Jahr zurück nach Los Angeles reiste und dort mit verschiedenen Freunden aus der Schweiz in Gingers Haus wohnte. Eines Tages, als ich wieder Abschied nehmen musste, hat sie mir einen Hausschlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: „See you later alligator!“ Am liebsten wäre ich jedesmal gleich für immer geblieben, denn diese Dame hatte es geschafft, meine „American Mom“ zu werden.

Als sie vor etwa zwei Jahren an Krebs verstarb, habe ich auch aus meinem jetzigen Wohnort Santiago de Chile nicht lange gezögert und bin zu ihrer Beerdigungsfeier gereist. Natürlich war ich längst auch mit Gingers Tochter gut befreundet, und zum ersten Mal habe ich auch alle weiteren Mitglieder aus der „Gingerhood“, wie wir die internationale Freundesgruppe heute nennen, kennengelernt. Ich war nämlich nicht der einzige Student, welcher nach seinem Sprachkurs regelmässig an diesen magischen Ort zurückkehrte.


Gingers Wohnzimmer

Mit 30 Jahren in die Residenz

Im Jahre 2011 hatte ich den Arbeitsstress mal so wieder richtig satt und eine lange Reise nötig. Südamerika gehörte schon immer zu meinen Traumdestinationen und so beschloss ich kurzerhand mein Auto zu verkaufen, die Wohnung zu kündigen und mindestens ein Jahr Auszeit zu nehmen. Da ich noch kein Wort Spanisch konnte, entschloss ich, mich für drei Monate in einer Spanisch-Sprachschule in Santiago de Chile einzuschreiben. Von dieser Destination wusste ich, dass sie zu den sichersten Städten in Südamerika gehört und bei meinen Plänen, die Pazifikküste hoch zu reisen, kam mir der Standort auch sehr gelegen.


Beim Einzug in die Studentenresidenz der Sprachschule war mir sofort die etwas spärliche Einrichtung des älteren Hauses aufgefallen. Etwa 12 Studenten teilten sich acht Zimmer und drei Badezimmer. Was mich dort von Anfang an gestört hatte, war die etwas unsaubere und schlecht ausgestattete Küche. Auch dass man kein WC-Papier das Klo runterspülen durfte und dass das heisse Wasser der Dusche erst nach gefühlten 5 Minuten floss, war mir noch aus keiner Reise bekannt.

Jeep mit Freunden

Trotzdem hatte ich eine super Zeit in der Residenz, denn schon nach kurzer Zeit unternahm ich viele Aktivitäten mit meinen Mitbewohnern. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 22 Jahren, was sich in täglichen Bar- und Disco-Besuchen widerspiegelte. Ein wirklich grosser Nachteil aber war mein sehr niedriges Spanisch-Level. In lateinischen Sprachen müssen einfach gewisse Grundkenntnisse vorhanden sein, um sich miteinander verständigen zu können. Dies unterscheidet eben Spanisch stark vom Englischen. Mein sprachliches Defizit hatte zur Folge, dass ich mich drei Monaten lang fast ausschliesslich auf Englisch unterhielt und auch die langen Nächte trugen nicht zu einem guten Sprachfortschritt im Schulunterricht bei.

Zum Glück habe ich am Ende meines ersten Chile-Aufenthaltes meine jetzige Frau kennen gelernt und so habe ich doch noch fliessend “castellano” gelernt.

Mein Tipp für Sprachreisende

Zuerst einmal empfehle ich dir, bei längeren Auslandsaufenthalten alleine zu reisen, also ohne deinen Partner oder deine Partnerin und auch ohne Freunde. Mit jemandem gemeinsam einen Sprachaufenthalt zu starten, hilft zwar am Anfang, den Kulturschock besser abzufedern, mit der Zeit ist aber genau die Konservierung der eigenen Kultur ein Nachteil, und ganz klar leidet auch der Sprachfortschritt darunter: Jeder nimmt sich als Vorsatz, nicht vor Ort zusammen Deutsch zu sprechen, aber wirklich daran halten tut sich dann schlussendlich doch keiner.

In eine fremde Kultur eintauchen, heisst eben auch Dinge zu akzeptieren, welche man anfangs vielleicht nicht so toll findet, wie ich zum Beispiel die schmutzige Küche in der Residenz. Heute weiss ich, nirgends ist es sauberer als in europäischen Haushalten und deshalb reise ich nun generell ohne Vorbehalte und Erwartungen.

Die besten Erfahrungen macht man meiner Meinung nach in einer Gastfamilie, auch wenn man sich dieser anpassen muss, denn schliesslich wohnt man als Student in einer fremden Familie und teilt auch ihre Routine. Meine “verwöhnten” Angewohnheiten lasse ich deshalb jeweils gleich zu Hause.



Gingers Küche

Nochmals im Überblick

Gastfamilie

+ Beste Einsicht in eine fremde Kultur
+ Schneller Sprachfortschritt - Gelerntes kann gleich angewandt werden
+ Lokales Essen, meist zur Verfügung gestellt
+ Insidertipps von Einheimischen
- Anpassungsfähigkeit wird vorausgesetzt
- Voraussichtlich längere Schulwege

Residenzen

+ Oftmals zentraler gelegen
+ Ungebundener und Unabhängiger
+ Man ist umgeben von anderen Studenten
- Meist teurer als Gastfamilien oder sogar überteuert
- Langsamere Sprachentwicklung
- Weniger Einblicke ins tägliche Leben im Ausland

Auffahrt Gingers Haus

Fazit

Natürlich gibt es auch weitere Unterkunftsmöglichkeiten wie Hotels, Hostels oder Airbnb’s. Und falls du eher Schwierigkeiten hast, dich anzupassen und einer fremden Kultur hinzugeben, dann sind dies vielleicht sogar die besseren Optionen für dich. Falls möglich, würde ich aber immer zuerst eine Gastfamilie ausprobieren. Neue Kulturen kennen zu lernen und sich an neue Situationen anpassen zu müssen sind doch Dinge, welche die eigene Routine brechen und das Reisen oftmals erst spannend machen. Dadurch erweitert man seinen Horizont und wird weltoffener. Sonst könnte man ja gleich zu Hause bleiben!

Autor

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Lukas Bryner

Begeisterter Sprachreisender

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