31 Oct 2017

Día de los Muertos

Reise Insider

Es mag einem schwer fallen zu glauben, dass ein Fest voller Farben und Fröhlichkeit, mit gutem Essen und Getränken einem so düsteren Thema wie dem Tod gewidmet sein kann. Und doch zelebrieren die meisten lateinamerikanischen Länder Jahr für Jahr den „Día de los Muertos“ mit solchen Feiern. Die Bedeutung des Festes ist zwar in jedem Land gleich, jedoch haben die Feierlichkeiten an den verschiedenen Orten dennoch ihre ganz besonderen Eigenarten, die auf dem Erbe der jeweiligen indigenen Kultur beruhen. Die Einwohner Lateinamerikas nutzen den Tag der Toten, um ihrer Verstorbenen zu gedenken, aber zugleich auch, um das Leben zu feiern.

Día de los Muertos

Rituale zur Würdigung des Lebens der Vorfahren werden in Teilen des heutigen Lateinamerikas schon seit rund 3.000 Jahren gefeiert. So war es in der präkolumbischen Zeit beispielsweise üblich, Schädel als Trophäen zu konservieren und diese anlässlich von Ritualen zu zeigen, welche den Tod und die Wiedergeburt symbolisierten. Als im 15. Jahrhundert die spanischen Eroberer nach Amerika kamen, waren sie entsetzt von einer Reihe heidnischer Überzeugungen der indigenen Bevölkerung, darunter auch der Totenkult, der von den Einwohnern der Region zelebriert wurde. Die Azteken, Mayas und Nahua feierten regelmäßig bereits Anfang August ein Fest, das „Tag der Toten“ genannt wurde und einen ganzen Monat andauerte. Bei ihrem Versuch, die Ureinwohner Amerikas zum Katholizismus zu bekehren, verlegten die Spanier den Día de los Muertos auf Anfang November, sodass er seither zeitgleich mit dem christlichen Allerheiligen-Fest stattfindet.


Von allen Gegenden Lateinamerikas ist Mexiko zweifelsfrei das Land, welches diesen aussergewöhnlichen Brauch am stärksten verkörpert. Der mexikanische Día de Muertos wurde von der UNESCO sogar in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen, da es „eines der wichtigsten Wahrzeichen des lebendigen Erbes Mexikos und der Welt ist“. Aber worum handelt es sich genau bei diesem Fest und wie wird es gefeiert?

Día de los Muertos

Zu den Feierlichkeiten gehören einige folkloristische Elemente, die einzigartig für diese Zeit des Jahres sind. Dazu zählt beispielsweise das süsse Hefebrot „pan de muerto“, das die Mexikaner zum Abendbrot essen. Auch die kleinen Schädel aus Zucker, die man mit auf die Stirn geschriebenen Namen an seine Freunde verschenkt, gehören zu den traditionellen Merkmalen des Festes. „Calaveritas“ heissen in Mexiko aber nicht nur die Süssigkeiten in Form eines Totenkopfs, sondern auch kleine Reime, die man zu diesem Anlass verfasst.

Typisches Brot zum Día de los Muertos

Nachts gehen die Menschen dann auf den Friedhof und schmücken die Gräber mit buntem Papier und mit einer orangen Blume, die sie Cempasúchil nennen. Wenn das Grab einem Kind gehört, werden auch Spielzeuge wie Autos und Puppen oder Süssigkeiten hingelegt. Zu Hause wird ein Altar zu Ehren der verstorbenen Angehörigen errichtet, auf dem ihre Fotos sowie Essen und Getränke stehen, damit sie sich an ihr Leben auf Erden erinnern und noch einmal den Geschmack ihrer Lieblingsspeisen geniessen können.


Auch die Wirtschaft hat sich dieses Fest zu Nutze machen können. Dank ihr veranstalten heute auch ganze Städte Feiern zu diesem Anlass. Traditionell wird der Tag der Toten vor allem in Pátzcuaro und Oaxaca gefeiert.

Und in anderen Ländern?


In Nicaragua wird der Feiertag sehr ernst genommen und das Gedenken an die Verstorbenen geht weit über eine einfache Opfergabe oder Huldigung hinaus. Der Día de los Muertos wird nachts auf dem Friedhof gefeiert – etwas, das einem Aussenstehenden unheimlich erscheinen mag und zu dem andernorts wenige Leute bereit wären. Dennoch wählen die „Nicas“ ganz bewusst diese Art, ihre Verstorbenen zu ehren: sie verbringen nicht nur eine Nacht bei ihren Angehörigen, sondern schlafen sogar neben ihren Gräbern.


Wenn auch in geringerem Ausmass, so folgen auch die Salvadorianer der Tradition ihrer Vorfahren und gedenken an diesem Tag ihrer Toten. Schon vor dem 2. November finden sich die Familienmitglieder auf dem Friedhof ein, um die Gräber zu reinigen und ihnen einen frischen Anstrich zu verleihen. Während des Tages kann man auf dem Friedhof Essen kaufen, aber auch eine grosse Auswahl an Blumen, Kränzen und Arrangements, um mit ihnen die Gräber zu schmücken.


Día de los Muertos

In Guatemala zeichnen sich die Feierlichkeiten dadurch aus, dass die Menschen nicht nur die Gräber ihrer Ahnen besuchen, sondern ausserdem riesige Drachen bauen und steigen lassen. Genauso wichtig ist der Verzehr von „Fiambre“, einer Art traditionellem Salat, der nur an diesem Tag gegessen wird und mehr als 50 Zutaten enthalten kann. Hier glauben die Menschen, dass die geweihten Seelen den Friedhof verlassen und andere Orte besuchen. Viele stellen deshalb auf ihrem Hausaltar ein Glas Wasser, eine Lampe und eine Fotografie des Verstorbenen auf. Sehr typisch für Guatemala ist auch die gelbe „Blume des Todes“, die nur zu dieser Zeit blüht.


In Honduras und Costa Rica (ebenso wie auch in Kolumbien) besuchen die Gläubigen die Friedhöfe, um sogenannte „Romerías de Amor“ darzubringen. Hierbei handelt es sich um Gaben als Zeichen der Dankbarkeit für die Gunst, die die Heiligen ihren Lieben zuteilwerden lassen. In beiden Ländern bringen die Menschen aus diesem Grund Kränze und Palmwedel auf den Friedhof, mit denen sie die Gräber schmücken und den Verstorbenen huldigen. Ausserdem versammeln sie sich in der Kirche, um für die Toten zu beten und für die Lebenden um Gesundheit und um Glück zu bitten.

Lasst uns spielen….


In Ecuador wird vor allem bei den indigenen Kichwa, die etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, anlässlich des Tages der Toten ein richtiges Fest veranstaltet. Einige Gemeinden zelebrieren ein altes Ritual: das Zusammentreffen mit dem Verstorbenen bei einer Mahlzeit auf seinem Grab. Die Menschen versammeln sich mit Essensgaben auf dem Friedhof, um ihrer Ahnen und Lieben zu gedenken. Bei dem Zeremoniell gibt es das landestypische Getränk Colada Morada und einen Brei aus Früchten und Gewürzen, der normalerweise mit „Guaguas de Pan“ gegessen wird. Diese sogenannten “Brotbabys”, bestehen aus einem süßen Teig und werden so verziert, dass sie kleinen, in Decken gewickelten Babys ähneln. In einigen Gegenden bringt man ihnen auch Waffen und die Dinge mit, die ihnen im Leben wertvoll waren, oder lädt sie zu dem Würfelspiel „Piruruy“ ein. Je nachdem, was man würfelt, kann man so ihre Bedürfnisse oder auch Vorwürfe erfahren.


Das Fest ist auch ein wichtiger Tag im bolivianischen Kalender: man pflegt das Andenken an die Toten indem man ihre Gräber mit Blumen verziert. Der Totenkult wird hier vor allem auf dem Land aufrechterhalten, wo die Menschen schon Wochen vorher mit den Vorbereitungen für die Feier beginnen. Das Ritual ist sehr komplex, wichtig ist aber vor allem, dass die Angehörigen grosse Mengen der Lieblingsspeisen und –getränke der Verstorbenen vorbereiten, da ihre Seelen mit einem grossen Appetit und einem nicht löschbaren Durst ankommen. In La Paz wird am 9. November ausserdem der „Día de las Ñatitas“ gefeiert, an dem Schädel gesegnet werden, die die Menschen bei sich zu Hause aufbewahren.


Día de los Muertos

Auch in den ländlichen Gegenden Perus glauben die Menschen fest daran, dass die Seelen der Toten zurückkommen, um die Altäre zu besuchen, die ihre Angehörigen vorbereitet haben. Auf ihnen finden sich Objekte, die mit ihrem früheren Leben zu tun haben, Fotos, Kerzen und Blumen, welche am nächsten Tag zum Friedhof gebracht werden. Zu den Gaben für den Verstorbenen zählen Speisen, die er zu Lebzeiten gerne aß, oder Gegenstände, die ihm wichtig waren. Dem Brauch nach werden die Opfergaben über Nacht am Grab gelassen, damit der Tote ausreichend Zeit hat, sie zu geniessen. Besonders wichtig ist der Moment, in dem die Hinterbliebenen den Verstorbenen auf dem Friedhof besuchen und ihm Blumen an sein Grab bringen.


Von Mexiko bis nach Bolivien – der Día de los Muertos gehört in den meisten lateinamerikanischen Ländern zu den wichtigsten Tagen des Jahres. Die Menschen gedenken ihrer Verstorbenen am 2. November mit ausgelassenen Festen, bunten Dekorationen, besonderem Essen und sogar Spielen – und zelebrieren zugleich auch ihre indigene Kultur.  


Autor: VeinteMundos

Aus dem Spanischen übersetzt von: Franka Leehr

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